„Intransparenz bei der Vergütung und Abhängigkeit vom US-Geschäft“: Rede von Vincent Kuhn

Sehr geehrte Damen und Herren,

sehr geehrter Vorstand und Aufsichtsrat,

mein Name ist Vincent Kuhn, ich spreche für den Dachverband der Kritischen Aktionärinnen und Aktionäre.

Ich habe einige kritische Fragen und Kommentare bezüglich des diesjährigen Vergütungsberichts und der Geschäftstätigkeit von Siemens Healthineers in den USA.

Herr Dr. Montag,

Sie, als Vorstandsvorsitzender, erhalten für das abgelaufene Geschäftsjahr laut Vergütungsbericht ein Gehalt von etwa 7,35 Mio. Euro. Das ist außerordentlich viel, wenn man bedenkt, dass Siemens Healthineers DAX-Neuling ist. Auch die Bezüge der anderen Vorstandsmitglieder sind seit der Ausgliederung von Siemens Healthineers deutlich gestiegen; einige von Ihnen konnten Ihr jährliches Gehalt seitdem mehr als verdoppeln.

Das Verhältnis von Top-Gehalt zum Durchschnittsgehalt der Belegschaft beträgt bei Siemens Healthineers mittlerweile mindestens 60:1. Umfragen ergeben, dass ein Verhältnis von etwa 10:1 bis 15:1 allgemein für fair gehalten wird; viele Investoren und Stimmrechtsberatungen sehen ein Verhältnis jenseits von 50:1 als problematisch an. Sie sprengen diese Grenze deutlich. Wir sehen hier eine ernsthafte Gefahr für den internen sozialen Zusammenhalt bei Siemens Healthineers.

Große Verantwortung und gute Leistungen können und sollen gerne entsprechend vergütet werden – doch muss dies verhältnismäßig und angemessen erfolgen.

Gerne wird bei Hinweisen auf diese Unwucht in der Entlohnung darauf verwiesen, die Vorstandsgehälter seien „marktüblich“ oder „branchenüblich angemessen“. Ich frage mich: Was sagt das über die Vergütungspolitik und den Markt aus? Glauben Sie, dass ein Chef mehr Wert schafft als 60 Angestellte? Ich glaube kaum.

Diese Kritik gilt im Übrigen für den Großteil der deutschen Aktiengesellschaften.

Vergütungssystem

Meine Damen und Herren,

ich möchte nun auf Ihr Vergütungssystem und die dadurch gesetzten Anreize zu sprechen kommen.

Grundsätzlich finden wir es richtig, dass sowohl in die kurz- als auch die langfristige Vergütung der Vorstandsmitglieder ESG- also Nachhaltigkeitskriterien einfließen. Das ist bei weitem nicht bei allen DAX-Konzernen der Fall – zumindest nicht effektiv.

Dem aktuellen Vergütungsbericht ist zu entnehmen, dass sich die langfristige variable Vergütung dabei zu 25 Prozent aus Nachhaltigkeitszielen zusammensetzt. Schauen wir uns diese einmal an.

Für 2025 sollten folgende langfristig angelegten Ziele erreicht werden:

  • Die Erweiterung der globalen Gesundheitsversorgung, gemessen am Wachstum der weltweiten Patientenkontakte
  • Die Reduktion von Scope-1 und Scope-2 Emissionen gemäß Greenhouse Gas Protocol (GHG) – Das sind die unmittelbar vom Unternehmen ausgestoßenen Mengen + die indirekten Emissionen aus angekaufter Energie
  • Und eine Verbesserung des Geschlechtergleichgewichts in der Geschäftsleitung.

Wir befürworten ausdrücklich die grundsätzlichen Bemühungen von Siemens Healthineers, Anreize für das Erreichen von ESG-Zielen zu schaffen. Es sollten jedoch auch weitere Nachhaltigkeitsaspekte in die Vergütung einfließen.

So finden die Scope-3 Emissionen, welche die gesamte Wertschöpfungskette betreffen, abgesehen von Geschäftsreisen, keinen Eingang in die langfristige Vergütung.

Dabei sehen wir hier eine der größten Baustellen von Siemens Healthineers. Während der Konzern seine Scope-1 und Scope-2 Emissionen in den letzten Jahren deutlich senken konnte, tut sich bei den Scope-3 Emissionen bisher sehr wenig.

Teil des Problems ist der Betrieb von Siemens Healthineers Produkten mit Strom aus fossilen Energieträgern. Siemens Healthineers entwickelt immer effizientere und nachhaltigere Maschinen; wenn der Endkunde die Geräte jedoch mit schmutzigem Strom betreibt, ist die Nachhaltigkeitsbilanz dahin. Wir sehen an dieser Stelle einen der größten Hebel dafür, den stockenden Fortschritt bei den Scope-3 Emissionen zu beschleunigen.

Hierzu einige Fragen:

  1. Hat Siemens Healthineers eine Strategie, wie Anreize für die nachhaltige Nutzung der Produkte geschaffen werden können?
  2. Wenn ja – Wie sieht diese aus? Gibt es etwa einen Preisnachlass für Kunden, die sich verpflichten die Geräte nachhaltig, bzw. mit grünem Strom zu betreiben?
  3. Wenn nein: Hat SH ein solches Programm in der Vergangenheit erwogen; wenn ja, aus welchen Gründen wurde es verworfen?
  4. Wie sieht es in Bezug auf Ihre vorgelagerte Wertschöpfungskette bzw, Ihre Lieferketten aus, haben Sie dazu konkrete Ziele und Maßnahmen und wenn ja, welche genau? Wenn nicht, warum nicht?

Um noch einmal auf das erste langfristige Ziel Bezug zu nehmen:

Natürlich heißen wir den Ausbau medizinischer Infrastruktur in bisher unterversorgten Ländern gut, und dies als Ziel im Vergütungssystem zu verankern, möchte ich ausdrücklich loben. Erlauben Sie mir nur die Bemerkung, dass sich die Erreichung dieses Nachhaltigkeitsziels, also des weltweiten Ausbaus von Patientenkontakten, auch geschäftlich für das Unternehmen lohnen, und nicht nur aus reiner Herzensgüte geschehen dürfte.

Kurzfristige Vergütung

Meine Damen und Herren,

ich erwähnte bereits, dass eine Reduktion der Scope-3 Emissionen in der langfristigen Vergütung nicht vorgesehen ist. Werfen wir also stattdessen einen Blick auf die kurzfristige Vergütungskomponente:

Ein Drittel dieser Komponente wird von der individuellen Performance der Vorstandsmitglieder bestimmt. Hier werden den Verantwortlichen jeweils zwei bis vier individuelle Ziele gesteckt, wobei eines davon das Thema Nachhaltigkeit betreffen soll.

Sucht man im diesjährigen Bericht nach Zielsetzungen in Bezug auf die eingangs erwähnten Scope-3 Emissionen, findet man nur schwammige Zielsetzungen, formuliert in unverfänglichem Management-Jargon. Die Rede ist von „strategischen Beschaffungsinitiativen für wirksame Nachhaltigkeit und Ressourcenverantwortung“ sowie von „Ressourcenbewahrung einschließlich der Identifizierung von Maßnahmen zu Dekarbonisierung und zur Kreislaufwirtschaft“.

Inwieweit die Erreichung dieser kurzfristigen Nachhaltigkeitsziele gelingt, ist jedoch nicht weiter aufgeschlüsselt. Der Aufsichtsrat beschließt lediglich einen „Prozentsatz der gewichteten Zielerreichung“ nach eigenem Ermessen. An welchen Kriterien er das genau festmacht, bleibt unklar.

Wir fordern hier mehr Transparenz und messbare Ziele statt undurchsichtiger Willkür, da mit diesem Prozentsatz nichts über konkrete Beiträge für die nachhaltige Entwicklung gesagt ist.

Ich fasse noch einmal zusammen:

Mit den uns übertragenen Stimmrechten fordern wir mehr Transparenz und Verhältnismäßigkeit bei der Vergütung des Vorstands. Siemens Healthineers muss seiner Sorgfaltspflicht und sozialen Verantwortung gerecht werden, und muss die Wertschöpfungskette stärker auf Tierrechtsverletzungen und Einsparungspotential bei klimaschädlichen Emissionen prüfen. Der Aufsichtsrat sollte diese Aspekte und Probleme, welche die vor- und nachgelagerte Lieferkette betreffen, stärker im Vergütungssystem verankern.

Aus den genannten Gründen werden wir den diesjährigen Vergütungsbericht daher nicht billigen. Ich bin mir bewusst, dass sich diese Kritik auf das Sytem bezieht, aber dieses hatten wir auch aus genannten Gründen bisher abgelehnt.

Unsere Fragen hierzu:

  1. Gibt es Bestrebungen, die ESG-Komponente im Vergütungssystem auszuweiten? Gab es Bestrebungen die ESG-Komponente zu kürzen oder gar zu entfernen?
  2. Steht eine Überarbeitung der Vergütungssysteme für Vorstand und Aufsichtsrat an und wenn ja, für wann und mit welchen inhaltlichen Plänen? Falls nicht, warum nicht?

US-Geschäft

Abschließend habe ich noch ein paar Anmerkungen und Fragen im Hinblick auf die Geschäftstätigkeit von Siemens Healthineers in den USA und den dortigen politischen Entwicklungen.

Zunächst ein paar Feststellungen:

In keinem anderen Land beschäftigt Siemens Healthineers so viele Angestellte wie in den USA.

Die Vereinigten Staaten sind der größte Absatzmarkt für Siemens Healthineers Produkte.

Bei weiterhin schleppenden Geschäften in China sind die Vereinigten Staaten zudem der am schnellsten wachsende Markt für die Produkte von Siemens Healthineers. Mit großem Abstand. Nach unseren Berechnungen machte die etwa neunprozentige Umsatzsteigerung in den USA satte 85,4 %des gesamten Umsatzwachstums im vergangenen Geschäftsjahr aus!

Auch wenn diese Ergebnisse aus geschäftlicher Sicht erfreulich sind, weisen sie trotzdem auf eine wachsende Abhängigkeit vom US-Geschäft hin. Angesichts der willkürlichen, unvorhersehbaren Zoll- und Wirtschaftspolitik des Weißen Hauses ist hier Vorsicht geboten. Erste Hinweise auf politische Einflussnahme findet man bereits im diesjährigen Vergütungsbericht.

Diesem haben wir entnommen, dass am Ziel der Verbesserung der Geschlechterquote im Management prinzipiell festgehalten werden soll. Ausgenommen davon sind jedoch Führungskräfte, die in den USA ansässig sind oder an in den USA ansässige Vorgesetzte berichten, laut Bericht „unter Berücksichtigung des länderspezifischen regulatorischen Compliance Ansatzes“.

Diese Ausnahme kann in unseren Augen nur als Einknicken vor der US-Regierung und deren obsessivem Drängen auf einen Rückbau von unliebsamen DEI (Diversity, Equality, Inclusion)-Initiativen verstanden werden.

Folgende Fragen möchte ich Ihnen stellen:

  1. Welche Maßnahmen ergreift Siemens Healthineers, um sich gegen politische Einflussnahme aus den USA, aber auch China zu wehren?
  2. Wie gedenkt Siemens Healthineers seine Abhängigkeit gegenüber den Vereinigten Staaten zu reduzieren, oder sollten wir vom Gegenteil ausgehen?
  3. Hat Siemens Healthineers im vergangenen US-Wahlzyklus über ihr „Political Action Committee“ SHS PAC Spenden getätigt? Wenn ja, welche Summen sind geflossen; wie viel davon an die Demokraten und wie viel an die Republikaner?
  4. Siemens Healthineers verlegt eine große neue Anlage des Spezialisten für Krebsbehandlung Varian von Mexiko nach Kalifornien und investiert insgesamt 150 Millionen Dollar in die Produktion auf US-amerikanischem Boden. Das Weiße Haus feiert dies in einer Pressemitteilung als Erfolg von Trumps Zollpolitik, welche darauf abzielt ausländische Produktion wieder in die USA zu holen →  Seit wann bestehen diese Pläne? Hatten die angedrohten oder wirksamen US-Zölle Einfluss auf diese Entscheidung? Welche Folgen sehen Sie für für Ihre Geschäftstätigkeiten in Mexiko?
  5. Wie stellt Siemens Healthineers sicher, dass benachteiligte Bevölkerungsgruppen in den USA auch bei Rückbau von DEI-Programmen angemessen bei Einstellungen und Beförderungen berücksichtigt und entlohnt werden?
  6. Wie hat sich das Geschlechterverhältnis im US-Management über die letzten zwei Jahre entwickelt? Bitte nennen Sie konkrete Zahlen.

    Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit und bin auf Ihre Antworten gespannt.

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