Thyssenkrupp Nucera und das risikobehaftete NEOM-Projekt in Saudi-Arabien

Rede von Markus Dufner auf der virtuellen Hauptversammlung von Thyssenkrupp Nucera am 25.02.2026

Sehr geehrter Herr Dr. Dinstuhl, sehr geehrter Herr Dr. Ponikwar, sehr geehrte Mitglieder des Aufsichtsrats und Vorstands,

mein Name ist Markus Dufner, ich bin Geschäftsführer des Dachverbands der Kritischen Aktionärinnen und Aktionäre. Der Dachverband spricht im Namen seiner 29 Mitgliedsorganisationen und vertritt auf der heutigen Hauptversammlung Aktien zahlreicher Kleinaktionärinnen und -aktionäre.

Am 30. Januar 2026 habe ich auf der Hauptversammlung des mit 50,19 Prozent größten Anteilseigners von Thyssenkrupp Nucera meine Bedenken gegen die Entscheidung vorgetragen, dass Thyssenkrupp zu einer Finanzholding umgebaut werden soll. Welche Folgen wird die Entscheidung für Thyssenkrupp Nucera haben?

Auch wenn es kurzfristig in Ihrem Geschäftsfeld viele Unsicherheiten gibt, ist langfristig mit einem Boom zu rechnen. Der Markt für grünen Wasserstoff soll bis 2035 massiv wachsen. Trotz der Flaute gilt das Unternehmen mit seiner alkalischen Wasserelektrolyse (AWE) als weltweit führend. Das sind gute Aussichten für Thyssenkrupp Nucera und den Verkauf von Elektrolyseuren.

Herr Dr. Ponikwar, Sie sagten, dass Thyssenkrupp Nucera für das Geschäftsjahr 2025/2026 einen Auftragseingang zwischen 350 Mio. und 900 Mio. Euro. Die Spanne ist schon sehr groß. Bitte nennen Sie hierfür Gründe. Wann können Sie genauere Angaben machen?

Am weltweit größten Projekt für grünen Wasserstoff ist auch Thyssenkrupp Nucera beteiligt. Für das NEOM-Projekt in Saudi-Arabien soll das Unternehmen 2-Gigawatt-Elektrolyseure liefern. Zentraler Bestandteil ist „The Line“ – laut ursprünglichem Plan eine 170 Kilometer lange, 500 Meter hohe und nur 200 Meter breite Spiegel-Stadt für 9 Millionen Menschen. Sie soll ohne Autos, Straßen und CO2-Emissionen auskommen, betrieben mit 100 Prozent erneuerbaren Energien.

Doch das Projekt des saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman ist mit zahlreichen Risiken behaftet. Der Ruf des Kronprinzen ist zwiespältig. Einerseits gilt er als tatkräftiger Modernisierer, der das Land wirtschaftlich und sozial umbaut. Andererseits ist sein Ansehen durch seinen autoritären Führungsstil, aggressive Außenpolitik und die mutmaßliche Verwicklung in den Mord an Jamal Khashoggi schwer beschädigt.

Lassen Sie mich weitere Risiken nennen:

1. Zu den finanziellen Risiken gehören massive Budgetüberschreitungen. Die ursprünglich auf 500 Milliarden US-Dollar geschätzten Kosten könnten laut Berichten auf bis zu 1,5 Billionen oder sogar 8,8 Billionen US-Dollar ansteigen.

Auch Finanzierungsengpässe kommen hinzu. Aufgrund volatiler Ölpreise und hoher Ausgaben für andere Projekte steht der saudische Staatsfonds (PIF) unter Druck. Die Finanzierung ist nicht gesichert.

2. Bedenklich sind die Menschenrechtsverletzungen und sozialen Risiken in Saudi-Arabien. Hierzu zählen Zwangsumsiedlungen. Die Entwicklung des Projektgebiets führte zur Vertreibung des indigenen Huwaitat-Stammes. Berichten zufolge wurden Häuser abgerissen, ohne angemessene Entschädigung. Stammesmitglieder, die sich gegen die Zwangsumsiedlungen wehrten, wurden verhaftet und zum Tode verurteilt. Außerdemdokumentieren Berichte gefährliche und ausbeuterische Arbeitsbedingungen für die tausenden Arbeitsmigranten auf der Baustelle.

3. Eine Belastung stellen die Umwelt- und ökologische Risiken dar. Der Bau in der Wüstenregion bedroht lokale Tier- und Pflanzenarten, insbesondere durch die Barrierewirkung von der „The Line“ auf Wildtierwanderungen. Hinzu kommt der Ressourcenverbrauch: Der Bau erfordert gewaltige Mengen an Rohstoffen (Stahl, Beton) und Energie, was im Widerspruch zu den propagierten „grünen“ Nachhaltigkeitszielen steht. 

4. Auch die Reputationsrisiken für am Projekt Beteiligte dürfen nicht außer Acht gelassen werden: Kritiker bezeichnen das Projekt als „Greenwashing“, da Saudi-Arabien weiterhin massiv auf fossile Energien setzt. Internationale Beratungs- und Bauunternehmen, die an NEOM beteiligt sind, könnten aufgrund der Menschenrechtsverletzungen und Arbeitsbedingungen in Saudi-Arabien in die Kritik geraten. 

Trotz aller Risiken und der gegenwärtigen Flaute bleibt Thyssenkrupp Nucera ist ein Hoffnungsträger für die Dekarbonisierung. Aktionäre und Investoren brauchen  Geduld, da der Markthochlauf bei den Elektrolyseuren länger auf sich warten lässt als erhofft.

Sehr geehrter Herr Dr. Dinstuhl, sehr geehrter Herr Dr. Ponikwar, ich wünsche Thyssenkrupp Nucera viel Erfolg.

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