„Vertraulichkeit bei Vertragsdetails rechtfertigt nicht, dass Risiken für Beschäftigte, Klima und Menschenrechte im Dunkeln bleiben“: Rede von Mala Deimann

„Dieses Jahr der Umsetzung ist für uns ein Jahr der Bewährung für die Zukunftsfähigkeit des Konzerns“, mahnt Mala Deimannn auf der Hauptversammlung der Thyssenkrupp AG 2026

Sehr geehrte Damen und Herren,
sehr geehrter Vorstand und Aufsichtsrat,

mein Name ist Mala Deimann und ich spreche heute als Vertreterin des Dachverbands der Kritischen Aktionärinnen und Aktionäre. Mit den uns übertragenen Stimmrechten fordern wir eine Thyssenkrupp AG, die langfristig zukunftsfähig ist, mit Respekt vor Menschenrechten, echtem Klimaschutz und gesicherten Arbeitsplätzen.

Herr López, Sie haben heute erneut betont, dass der Konzern einen „belastbaren Pfad“ für den Stahlbereich eingeschlagen habe und sich nun im „Jahr der Umsetzung“ befindet. Sie verweisen auf laufende, vertrauliche Verhandlungen mit dem potenziellen Partner Jindal Steel für die Stahlsparte und bitten um Verständnis, dass Sie dazu aktuell nicht ins Detail gehen können.
Ich verstehe vertrauliche Vertragsverhandlungen. Aber Vertraulichkeit bei Details rechtfertigt nicht, dass strategische Weichenstellungen und Risiken für Beschäftigte, Klima und Menschenrechte im Dunkeln bleiben.
Als Vertreterin der Aktionärinnen und Aktionäre kann ich Ihrer Bitte um Verständnis, daher nicht vollständig nachkommen. Denn zentrale Fragen, die über einen potenziellen Deal mit Jindal Steel hinausgehen und die Zukunft der Stahlsparte betreffen, sind noch offen.
Ich frage nicht nach Vertragsklauseln, sondern nach Ihren allgemeinen Kriterien, roten Linien und Sorgfaltspflichten bei der Neuausrichtung der Stahlsparte.


Zuerst würde ich gerne mit Ihnen über die grundlegenden strategischen Kriterien sprechen, nach denen Sie mögliche Verkaufsbedingungen beurteilen würden.

Sie haben ACES 2030 als Zukunftsmodell vorgestellt, das Thyssenkrupp zu einer Finanzholding mit „starken, eigenverantwortlichen“ Unternehmen machen soll. Eine Finanzholding kann jedoch nur stark sein, wenn ihre Geschäftsbereiche nicht als Altlasten, sondern als Zukunftsfelder gelten. Gerade deshalb interessiert uns, nach welchen Maßstäben Sie entscheiden, wenn ein Partner in den Kern des Konzerns eingreift. Wenn die Stahlsparte, die mit Pensionsverpflichtungen von etwa 2,5 Milliarden Euro belastet ist, an eine Partnerstruktur überführt werden soll, ergeben sich Fragen, die ich gerne an den Vorstand und Aufsichtsrat richten würde:

  1. Welche strategischen Kriterien müssen für Sie bei einem Teilverkauf eines verlustträchtigen, aber systemrelevanten Geschäftsbereichs erfüllt sein, damit Thyssenkrupp nicht dauerhaft auf wirtschaftlich wertlosen Restanteilen sitzen bleibt?
  2. Welche Grenzen ziehen Sie bei Konstruktionen, die auf einen negativen Kaufpreis hinauslaufen können?
  3. Können Sie allgemein zusichern, dass bei Verkäufen zentraler Konzerneinheiten keine Restbeteiligungen eingegangen werden, für die es weder klare Ausstiegsmechanismen noch garantierte Erwerbsverpflichtungen des Partners gibt?

Neben diesen strategischen Fragen spielen auch die staatlichen Fördermittel, die für die grüne Transformation zugesagt wurden, eine entscheidende Rolle.

Sie betonen die großen Herausforderungen der grünen Transformation. Thyssenkrupp Steel erhielt zur Unterstützung des Umbaus der Stahlproduktion staatliche Förderzusagen in Höhe von fast 2 Milliarden Euro. Gelder, die von Steuerzahler*innen stammen und an konkrete Klima- und Standortauflagen gebunden sind. Wir erwarten, dass diese Gelder nicht zur privaten Renditeabsicherung, sondern zum Gemeinwohl beitragen.

Wir fragen uns:

  1. Wie genau wollen Sie das sicherstellen?
  2. Welche allgemeinen Regeln gelten bei Thyssenkrupp dafür, dass staatliche Transformationshilfen nicht de facto zur Subvention des Investitionsanteils eines privaten Partners werden?
  3. Wird der Aufsichtsrat vor einem Verkauf eines staatlich massiv geförderten Geschäftsbereichs systematisch prüfen, ob Rückzahlungs- oder Rückforderungsmechanismen der öffentlichen Hand ausgelöst werden, wie hoch diese Risiken sind und diese transparent benennen?

Genau diese Transformation berührt auch die Kernfragen sozialer Absicherung. Vor allem Tausende von Arbeitsplätzen im Stahlbereich.

Herr López, Sie loben den Sanierungstarifvertrag mit der IG Metall als „wichtigen Erfolgsfaktor“ und sprechen von fairen und sozialverträglichen Lösungen. Gleichzeitig stehen weiterhin tausende Arbeitsplätze im Stahlbereich und bei Beteiligungen wie HKM auf dem Spiel. Hinter jedem Prozentpunkt Kostensenkung stehen konkrete Existenzen. Die Belegschaft musste bereits große Einbußen verkraften, deshalb müssen Sie definieren, was für Sie eine sozialverträgliche Transformation tatsächlich bedeutet.

Dazu meine grundsätzliche Frage an Sie Herr López:

  1. Welche Mindeststandards gelten für Sie bei der Absicherung von Beschäftigung und Standorten, wenn ein externer Partner in einen so sensiblen Bereich einsteigt? Gibt es eine Untergrenze an Beschäftigten, eine Mindestinvestitionssumme oder eine Mindestlaufzeit für Standort- und Beschäftigungsgarantien, unterhalb derer Sie generell keinen Vertrag unterschreiben würden? Wenn ja, nennen Sie diese bitte.

Eine sozialverträgliche Transformation sichert jedoch nicht nur Arbeitsplätze, sondern erfordert auch verlässliche Partner mit intakten Lieferketten. Gerade wenn externe Investoren einsteigen, müssen Risiken transparent gemacht werden. Besonders bei Lieferanten aus Hochrisikoländern und bei Partnern mit umstrittener Historie.

Ihr eigener Bericht betont, dass es bereits jetzt menschenrechtliche Verstöße bei direkten Thyssenkrupp-Lieferanten gibt, beispielsweise in Bezug auf Arbeitsschutz, Entlohnung, Arbeitszeiten und Vereinigungsfreiheit. Hinzu kommt, dass in ihrem LkSG-Bericht zentrale Fragen zu identifizierten Verstößen, zum Beispiel bei welchen Lieferanten, in welchen Ländern und bei welchen Rohstoffen, offenbleiben.
An diesem Punkt muss ich konkreter werden: Der Verhandlungspartner Jindal spricht von zusätzlichen möglichen Rohstoff-Lieferketten zum Beispiel aus Kamerun.
Von dort aus könnte die Ngovayang-Mine die Duisburger-DRI-Anlage mit Eisenerz beliefern, ganz nach Jindals Motto der vertikalen Integration „von der Mine bis zum fertigen Stahlprodukt“.
Kamerun wird sowohl von der Europäischen Union als auch von der Financial Action Task Force offiziell als Hochrisikoland eingestuft. Ein Land mit autoritärem Regime, massiven Governance-Problemen und schwacher Rechtsstaatlichkeit.
Dazu kommt Jindals umstrittene Umwelthistorie: Sanktionen in Indien, gescheiterte Umweltgenehmigungen in Südafrika und menschen- und umweltrechtliche Kritik in Mosambik.

Herr López,

  1. Sind das ihrer Meinung nach Merkmale, die für Jindal als zukunftsfähigen Partner sprechen? Finden Sie, dass ein potenzieller Partner, der Lieferketten aus Ländern mit dokumentierten Menschenrechtsverletzungen aufbaut und selbst wegen Umweltverstößen sanktioniert wurde, eine gute Wahl für Thyssenkrupp wäre?

Aber lassen Sie mich noch einmal über Grundlegenderes sprechen. Darum meine übergreifenden Fragen an den Vorstand:

  1. Gibt es bereits Geschäftsbeziehungen zu Jindal oder seinen Einheiten?
  2. Bezieht, oder hat Thyssenkrupp bereits Rohstoffe aus Indien oder aus Kamerun bezogen? Und wenn ja, von welchen Zulieferern?
  3. Welche Lehren zieht Thyssenkrupp aus den gescheiterten Jindal- Projekten in Südafrika und Mosambik?
  4. Welche Kriterien legen Sie allgemein an, wenn ein potenzieller Partner zentrale Rohstoffe aus Ländern mit dokumentierten Menschenrechts- und Korruptionsrisiken beziehen will? Ab welchem Punkt schließen Sie eine Partnerschaft kategorisch aus?
  5. Wie stellen Sie sicher, dass bei künftigen Strukturentscheidungen, insbesondere bei Verkäufen von Geschäftsbereichen mit Restbeteiligung, die menschenrechtliche und ökologische Sorgfaltspflicht nicht verletzt wird?
  6. Wie stellen Sie sicher, dass diese Pflichten nicht an einen potenziellen Mehrheitseigner „outgesourct“ werden, während Thyssenkrupp formal weiter in der Verantwortung bleibt?

Thyssenkrupp steht vor der Aufgabe, Strategie, soziale Gerechtigkeit, ökologische Verantwortung und menschenrechtliche Glaubwürdigkeit in Einklang zu bringen.
Dabei erwarten wir transparente Kriterien und klare rote Linien, die nicht nur wirtschaftliche, sondern auch gesellschaftliche Stabilität gewährleisten.
Dieses Jahr der Umsetzung ist für uns ein Jahr der Bewährung für die Zukunftsfähigkeit des Konzerns.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit, ich freue mich auf Ihre Antworten.

Permanentlink zu diesem Beitrag: https://www.kritischeaktionaere.de/thyssenkrupp/vertraulichkeit-bei-vertragsdetails-rechtfertigt-nicht-dass-risiken-fuer-beschaeftigte-klima-und-menschenrechte-im-dunkeln-bleiben-rede-von-mala-deimann/