„Wir haben größte Bedenken, wie Sie die Thyssenkrupp AG in ihre Einzelteile zerlegen!“

Rede von Markus Dufner auf der Hauptversammlung der Thyssenkrupp AG am 30.01.2026 in Bochum

Sehr geehrte Mitglieder des Vorstands und Aufsichtsrats!
Sehr geehrte Aktionärinnen und Aktionäre!

Mein Name ist Markus Dufner, ich bin Geschäftsführer des Dachverbands der Kritischen Aktionärinnen und Aktionäre. Der Dachverband spricht im Namen seiner 29 Mitgliedsorganisationen und vertritt auf der heutigen Hauptversammlung Aktien zahlreicher Kleinaktionärinnen und -aktionäre.

In meiner heutigen Rede werde ich mich mit der Thematik Klimaschutz bei Thyssenkrupp beschäftigen. Doch bevor ich dazu komme, gestatten Sie mir ein paar allgemeine Worte zur aktuellen Lage in unserem Unternehmen.

Der aktuelle Aktienkurs sorgt für Jubelstimmung. Wie ist es möglich, dass wir mitten in der Stahlkrise ein „Börsenwunder“ erleben? Die derzeit positive Entwicklung des Aktienkurses hat viel mit der Abspaltung von Thyssenkrupp Marine Systems vom Mutterkonzern zu tun. Doch wird dieser Trend anhalten? Die schon lange anhaltende Krise unseres Unternehmens ist dadurch keineswegs überwunden. 

Herr Lopez, wir haben größte Bedenken, wie Sie die Thyssenkrupp AG in ihre Einzelteile zerlegen. Wahrscheinlich nicht nur mir fällt dabei das Bild mit der Kettensäge ein. Die Veräußerung wichtiger Unternehmensteile wie der Aufzugsparte TK Elevator im Jahr 2020 wird von Ihnen jetzt auf brachiale Art und Weise fortgesetzt. Vom Stahlkonzern Thyssenkrupp wird nichts mehr übrigbleiben außer einer Finanzholding. Das ist schlecht für den Stahlstandort Deutschland und schlecht für 11.000 Beschäftigte bei Thyssenkrupp Steel Europe. 

Nun wieder zurück zum Klimaschutz. Das Pariser Klimaschutzabkommen von 2015 verpflichtet jeden einzelnen Unterzeichnerstaat, spätestens in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts nicht mehr klimaschädliche Treibhausgase in die Atmosphäre zu entlassen als von dort wieder über Wälder und andere natürliche Senken oder zukünftige Technologien entnommen werden.

Legt man den aktuellen Erwärmungstrend zugrunde, würde die Welt zwischen 2030 und 2040 das 1,5-Grad-Ziel langfristig überschreiten, berichtet des Umweltbundesamt.

Wir alle wissen: Klimaneutralität ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Das hat auch Thyssenkrupp erkannt. Bis spätestens zum Jahr 2050 will unser Unternehmen klimaneutral sein.

Vision: „Aus einem der größten CO2-Verursacher … wird ein Wegbereiter nachhaltiger Wertschöpfung in Europa.“ (https://www.thyssenkrupp-steel.com)Noch ist es aber nicht so weit: Aktuell ist Thyssenkrupp einer der größten CO2-Emittenten, der für 2,5 Prozent der Emissionen in Deutschland steht.

„Die Elektromobilität, die Energiewende, die Mobilitätswende, die Verpackungsindustrie und viele weitere Branchen – sie alle brauchen den Grundwerkstoff Stahl in höchster Qualität, aber mit möglichst kleinem CO2-Fußabdruck.“

In einzelnen Geschäften und Ländern, beispielsweise in Deutschland, strebt Thyssenkrupp dies im Einklang mit den Festlegungen des deutschen Klimaschutzgesetzes bereits für das Jahr 2045 an.
Bitte nennen Sie diese einzelnen Geschäfte.

Die Erzeugung von grünem Stahl ist ein Geschäftsfeld mit Chancen und Risiken.
Die Produktion von grünem Stahl könnte bei Thyssenkrupp mittelfristig die Wende zum Besseren bringen. Wenn Thyssenkrupp hier vorangeht, wird das die immer noch hohen CO2-Emissionen senken und auch Druck auf Wettbewerber ausüben.

Mit Hilfe der staatlichen Förderung von 2 Milliarden Euro kann unser Unternehmen die grüne Transformation in Angriff nehmen. Es bleibt aber die Frage, ob zum Produktionsstart im Jahr 2028 (??) ein Wasserstoffnetz und ausreichend nachhaltig erzeugter Wasserstoff zu aktzeptablen  

Grüner Wasserstoff – grüner Stahl
Eine sozialverträgliche Lösung für die Belegschaft setzt vor allem auch voraus, dass die grüne Transformation nicht nur versprochen, sondern mit klaren Investitionen und realistischen Plänen umgesetzt wird – insbesondere bei Wasserstoff und Direktreduktionsanlagen (DRI).

Herr Lopez, Sie verweisen darauf, dass Thyssenkrupp von der CDP-Klimarating-Agentur wiederholt mit einer sehr guten Note bewertet wurde und dass die grüne Transformation der Stahlproduktion strategisch zentral ist. Gleichzeitig ist klar: Ohne verbindliche Lieferverträge für die verlässliche Versorgung mit Wasserstoff und realistische Investitionspläne für die DRI-Anlagen bleiben die Klimaziele auf dem Papier.

Große Klimaversprechen verlieren an Wert, wenn sie ohne belastbare Infrastruktur einhergehen. Die Frage ist also nicht, ob Sie grün werden wollen – sondern, wie glaubwürdig Ihre Voraussetzungen dafür sind.

Meine Fragen hierzu:

Welche nicht verhandelbaren Mindestanforderungen gelten bei Ihnen für Investoren, die an einer grün ausgerichteten Stahlsparte beteiligt werden sollen, etwa in Bezug auf verbindliche Investitionszusagen in DRI-Anlagen, Elektrolichtbogenöfen und Wasserstoff-Infrastruktur?

Gibt es bei Thyssenkrupp eine klare Definition von Klimaschutz-„No-Gos“, etwa, dass Sie keinen Vertrag schließen, wenn bis zu einem bestimmten Stichtag keine zertifizierten Lieferverträge für grünen Wasserstoff in ausreichender Menge vorliegen oder wenn der Partner vor allem auf CO-intensive Übergangslösungen setzt?​​

Welche Backup-Szenarien haben Sie grundsätzlich vorgesehen, falls die geplante Versorgung mit grünem Wasserstoff, ob aus Deutschland oder aus Drittstaaten, nicht rechtzeitig, nicht in der benötigten Menge oder nur zu Preisen zustande kommt, die Ihre Klimaziele und die Profitabilität der Stahlsparte untergraben würden?

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