Riskante Geschäftsbeziehungen und schleppender Fortschritt beim Klimaschutz: Rede von Vincent Kuhn

„Im Kreuzfahrtgeschäft muss das Unternehmen sein Tempo bei der Emissionsreduktion also mehr als vervierfachen, um die eigenen Ziele zu erreichen, welche sowieso schon nicht mit dem 1,5 Grad-Ziel gemäß des Pariser Klimaabkommens konform sind.“, mahnt Vincent Kuhn.

Sehr geehrte Damen und Herren,

sehr geehrter Vorstand und Aufsichtsrat.

Mein Name ist Vincent Kuhn, ich spreche im Namen des Dachverbands der Kritischen Aktionärinnen und Aktionäre. Ich habe im folgenden einige kritische Kommentare und Fragen bezüglich des diesjährigen Vergütungsberichts und der TUI Partnerschaft mit der kambodschanischen Prince Holding Group. Ich möchte in diesem Zuge auch unseren Gegenantrag zu TOP 10 stellen.

Internationale Ermittlungen gegen Ex-Geschäftspartner

Meine Damen und Herren,

Lassen Sie mich mit einem kurzen Überblick der Geschäftsbeziehungen zwischen der TUI AG und der Prince Holding Group beginnen, für die Anwesenden, die die Entwicklungen nicht mitbekommen haben.

2024 unterschrieb die TUI AG eine Kooperationsvereinbarung mit der kambodschanischen Immobiliengesellschaft „Prince Real Estate“, offenbar jedoch ohne sich eingehender mit den Hintergründen des neuen Geschäftspartners auseinanderzusetzen. Vereinbart wurde, dass die TUI AG ein der „Prince Real Estate“ zugehöriges Hotel im kambodschanischen Sihanoukville fortan unter der Marke „TUI Blue“ verwalten sollte. Soweit, so gut; die Eröffnung des Hotels erfolgte im Mai 2025.

„Prince Real Estate“ ist eine Tochtergesellschaft des kambodschanischen Firmenkonglomerats „Prince Holding Group“, welches vom chinesischen Geschäftsmann Chen Zhi geführt wird. Dieser hat, genau wie sein Unternehmen, einen höchst zweifelhaften Ruf.

Bereits 2020 wurde von chinesischen Behörden wegen Geldwäsche, Betrugs und illegalem Online-Glücksspiels gegen die Prince Group ermittelt, jedoch ohne hochrangige Verurteilung.

Im Oktober 2025, also wenige Monate nach Eröffnung des „TUI Blue Sihanoukville“, wurde publik, dass schwere Vorwürfe gegen Chen Zhi und die Prince Holding Group erhoben werden. So ließ das US-Justizministerium Reserven in Kryptowährungen in Höhe von ca. 15 Mrd. US-Dollar einfrieren. Das Geld soll vermeintlich durch internationale, systematische Betrugsmaschen erbeutet worden sein.

Darüber hinaus wurden in London, Singapur und Hongkong Immobilien, Autos und andere der Prince Group zugeordnete Werte von den Behörden beschlagnahmt. Chen Zhi und sein Unternehmen werden beschuldigt, Arbeiter aus ganz Asien mit Aussicht auf gute, legale Jobs in sogenannte „Scam Centers“ gelockt zu haben, wo sie unter Androhung von Gewalt und Einbehaltung ihres Passes gezwungen worden sein sollen, Online-Betrug zu begehen.

Die TUI AG ließ angesichts der Vorwürfe verlauten, man habe die Zusammenarbeit „bereits in den vergangenen Wochen“ beendet, da die Eigentümergesellschaft die vertraglichen Verpflichtungen für den Hotelbetrieb nach ihren Markenstandards nicht erfüllt habe.

Ich frage mich:

Wie konnte die TUI AG überhaupt eine Partnerschaft mit dieser Geschäftsgruppe eingehen, gegen die schon früher ermittelt wurde und die tief in ein transnationales kriminelles Netzwerk verstrickt gewesen zu sein scheint? Immerhin gibt TUI im Geschäftsbericht an, mindestens einmal jährlich sowie bei Eintritt wesentlicher Veränderungen umfassende Risikoanalysen betreffend ihres eigenen Geschäfts und der Lieferkette durchzuführen. Wie konnten derartige Missstände übersehen werden, wenn doch jährlich streng auf Umwelt- und Menschenrechtsrisiken geprüft wird?

Diese Vorgänge wecken schwere Zweifel an der Gründlichkeit des Due-Diligence Prozesses innerhalb der TUI AG und offenbaren Risiken, welche mit der globalen Expansion, auch in Länder mit undurchsichtigen Menschenrechts- und Umweltstandards einhergehen.

Die TUI AG muss sicherstellen, dass keine Geschäftsbeziehungen mit unseriösen oder sogar kriminellen Organisationen eingegangen werden und die Expansion somit auf Kosten von Umwelt- und Sozialstandards geschieht, nach dem Motto „Wachstum um jeden Preis“.

Hierzu habe ich folgende Fragen:

  1. Wurden im Vorfeld des Vertragsabschlusses unternehmensintern Zweifel am Geschäftspartner Prince Real Estate laut?
  2. Wenn ja; wieso wurde diesen nicht mehr Gehör geschenkt? Wer bzw. welche Instanz hatte Zweifel an der Kooperation?
  3. War der Vertragsabschluss Thema im Aufsichtsrat?
  4. In der Pressemitteilung ließ TUI verlauten, dass Prince Real Estate „Die vertraglichen Verpflichtungen für den Hotelbetrieb nach ihren Markenstandards nicht erfüllt habe“. Welche Verpflichtungen und Markenstandards sind hier gemeint? Welche Verstöße wurden festgestellt?
  5. Können Sie nachweisen, dass die Kündigung der Kooperation erfolgte, bevor die TUI AG Kenntnis von den konkreten Vorwürfen und Ermittlungen erlangte?
  6. Wie wird die TUI AG in Zukunft verhindern, dass sich eine derartige Entwicklung wiederholt?
  7. Planen Sie Screening Verbesserungen für neue Partnerschaften, insbesondere im Raum Südost-Asien? Wenn ja, wie sehen diese neuen, verschärften Maßnahmen aus

Vergütung ohne substanzielle Nachhaltigkeitsanreize

Meine Damen und Herren,

nun möchte ich noch auf den diesjährigen Vergütungsbericht und die durch das Vergütungssystem gesetzten Anreize, bzw. eben nicht ausreichend gesetzten Anreize zu sprechen kommen.

Das Vorstands-Vergütungssystem der TUI AG integriert ESG- also Nachhaltigkeitskriterien lediglich über einen Multiplikator in der kurzfristigen Vergütungskomponente. Dieser Multiplikator reicht von 0,8 bei Verfehlung bis 1,2 bei voller Erfüllung der vom Aufsichtsrat beschlossenen Nachhaltigkeitsziele.

Für das vergangene Geschäftsjahr wurden folgende ESG-Ziele vereinbart:

Erstens, die Steigerung der Kundenzufriedenheit, gemessen anhand des Net Promoter Scores. Zweitens. die Verbesserung der Mitarbeiterzufriedenheit, gemessen anhand des Engagement Indexes, einer internen Befragung, und drittens, die CO₂-Reduktion nach der TUI Nachhaltigkeitsagenda 2030.

Dieses Design ist unserer Ansicht nach unzureichend, Kunden- und besonders Mitarbeiterzufriedenheit in allen Ehren. Nur ein einziges der beschlossenen ESG-Ziele betrifft Klima und Umwelt. Zudem wird trotz bekannter Investoren- und Stimmrechtsberaterkritik, welche auch im Rahmen der TUI-Hauptversammlung 2025 geäußert wurde, an der rein „Earnings Per Share“(EPS) basierten langfristigen variablen Vergütung festgehalten. Diese Komponente enthält also überhaupt keine Nachhaltigkeitskriterien.

Der tatsächliche Vergütungsanteil, der auf die Verfolgung von Klimaschutzzielen zurückgeht, liegt dieses Jahr in der Folge bei lediglich 1,3 bis 1,9 Prozent der Gesamtvergütung. Das Vergütungssystem in seiner jetzigen Form bietet somit kaum Anreiz für den Vorstand ambitionierten Klimaschutz voranzutreiben. Dabei hätte TUI dies dringend nötig…

 TUI hechelt den eigenen Emissionszielen hinterher

Die Folgen dieser fehlenden Anreize lassen sich etwa an dem stockenden Fortschritt bei den selbstgesteckten Zielen zur Emissionsreduktion ablesen.

Das Ziel im Kreuzfahrtgeschäft bis 2030 eine CO₂ Reduktion von 27,5 Prozent zu erreichen, erscheint derzeit fast unmöglich. Seit Basisjahr 2019 konnte die TUI AG die jährlichen Emissionen in diesem Bereich um nur 5,5 Prozent reduzieren. Das Unternehmen muss sein Tempo hier also mehr als vervierfachen, um die eigenen Ziele zu erreichen, welche, nebenbei bemerkt, sowieso schon nicht mit dem 1,5 Grad-Ziel gemäß des Pariser Klimaabkommens konform sind. Auch in den Geschäftsbereichen Airlines und Hotels & Resorts verläuft die Emissionsreduktion schleppend.

Null EU-Taxonomie-Konformität

Darüber hinaus meldet der Geschäftsbericht für das aktuelle Jahr, dass 0 Prozent aller Umsätze, Betriebs- und Investitionsausgaben EU-Taxonomie-konform waren.

Diese Nullmeldung untermauert den Zweifel an TUIs Fähigkeit, die eigenen Ziele zu erreichen, denn als nachhaltig deklarierte Projekte scheinen bisher nicht umweltfreundlich genug, um Taxonomie-konform, also zertifiziert ökologisch nachhaltig zu sein.

Wir drängen darauf, dass im kommenden Geschäftsjahr Anreize für echten, ambitionierten Klimaschutz geschaffen werden. An Problembewusstsein dürfte es dem Konzern nicht fehlen: „Die gesamten Geschäftsaktivitäten der TUI Group sind als klimaintensiv einzuordnen“, steht im aktuellen Geschäftsbericht.

Dazu habe ich noch folgende, finale Fragen:

  1. Sieht die TUI AG die Gefahr, seine eigenen Ziele gemäß der Nachhaltigkeitsstrategie 2030 zu verpassen? Überlegt sie gar, die Ziele aufzuweichen, bzw. neu zu stecken?
  2. Gibt es Bestrebungen, die ESG-Komponente im Vergütungssystem auszuweiten? Gab es Bestrebungen die ESG-Komponente zu kürzen oder gar zu entfernen?
  3. Steht eine Überarbeitung der Vergütungssysteme für Vorstand und Aufsichtsrat an und wenn ja, für wann und mit welchen inhaltlichen Plänen? Falls nicht, warum nicht?
  4. Abgesehen von dem unglücklichen regulatorischen Beispiel im Bereich Airlines, woran liegt es, dass aus den gestiegenen Anteilen Taxonomie-fähiger Umsätze und Investitionen immer noch Null Taxonomie-Konformität hervorgeht? An welchen Anforderungen scheitert TUI hier? Nennen Sie bitte konkrete Beispiele.

Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit und freue mich auf die Beantwortung der Fragen.

Permanentlink zu diesem Beitrag: https://www.kritischeaktionaere.de/tui/riskante-geschaeftsbeziehungen-und-schleppender-fortschritt-beim-klimaschutz-rede-von-vincent-kuhn/