Wachstum und Kapitalinteressen ohne verantwortungsvolle Absicherung: TUI’s fragwürdige Clusterstrategie – Rede von Mala Deimann

„Vorstand und Aufsichtsrat feiern Rekordergebnisse, ohne zu zeigen, wie dieses Wachstum mit den lokalen Lebensbedingungen und den ökologischen Belastungsgrenzen der Destinationen vereinbar sein soll“, kritisiert Mala Deimann auf der TUI Hauptversammlung 2026.

Sehr geehrte Damen und Herren,
sehr geehrter Vorstand und Aufsichtsrat,

mein Name ist Mala Deimann und ich spreche heute als Vertreterin des Dachverbands der Kritischen Aktionärinnen und Aktionäre. Wir kritisieren, dass Vorstand und Aufsichtsrat der TUI AG Wachstum und Clusterstrategie vorantreiben, ohne Umweltschutz und lokale Lebensbedingungen und Risiken in der Lieferkette glaubwürdig abzusichern, während der Geschäftsbericht ein geschöntes Bild von Nachhaltigkeit und Verantwortung zeichnet.
Mit den uns übertragenen Stimmrechten fordern wir, dass TUI Wachstum und Profit nicht länger über Umwelt und Menschen stellt und transparent offenlegt, welche Risiken die aktuelle Strategie in den Zielgebieten schafft.

Ich werde in meiner Rede auf drei Punkte eingehen: TUIs Clusterstrategie, die Oman Partnerschaft und die TUI Care Foundation-Programme.

TUI’s Clusterstrategie
Im Geschäftsbericht feiert TUI die eigene Entwicklung hin zu einem globalen Freizeitkonzern, der einen Großteil der touristischen Wertschöpfungskette kontrolliert.
Destinationscluster sollen Flüge, Hotels, Kreuzfahrten und Ausflüge aus einer Hand steuern, die Margen weiter steigern, die Saisonalität verringern und eine hohe Auslastung sichern.

Mit anderen Worten, TUI baut abgeschottete touristische Ökosysteme, in denen der Konzern möglichst viele Wertschöpfungsstufen selbst kontrolliert, während der tatsächliche Nutzen für lokale Gemeinschaften im Bericht nicht nachvollziehbar belegt wird.
Sie sprechen von der Erschließung neuer Märkte, aber nicht von Machtkonzentration, Abhängigkeiten und ökologischen Grenzen in den Zielregionen.

Wenn Sie ernst nehmen, was Sie zur doppelten Wesentlichkeitsanalyse schreiben, müssten ihre Destinationscluster auch als potenzielles Risiko für Umwelt und Menschenrechte erscheinen und nicht nur als Wachstumsstory.
Stattdessen bleibt die kritische Seite dieser Strategie im Bericht weitgehend unsichtbar, während Sie für Aktionäre vor allem steigende EBIT-Beiträge und neue Schiffsklassen hervorheben.
Vorstand und Aufsichtsrat feiern ein Rekordergebnis und eine neue Dividendenpolitik, ohne zu zeigen, wie dieses Wachstum mit den Belastungsgrenzen der Destinationen vereinbar sein soll.
So wird die Clusterstrategie zu einem Beispiel dafür, dass TUI gern von Nachhaltigkeit spricht, aber beim Kerngeschäft weiterhin auf mehr Volumen und höhere Auslastung setzt.

Gerade beim Thema Wasser zeigt sich, wie riskant das ist.
Die von der UN verabschiedete Agenda 2030 nimmt aktiv Bezug auf den Wasserverbrauch im Tourismus und belegt, dass der direkte Wasserverbrauch in Unterkünften zwischen 80 und über 2.000 Litern pro Übernachtung liegt. Hinzu kommen rund 6.000 weitere Liter Wasser pro Tag für Nahrungsmittel und bis zu 2.500 Liter für die An- und Abreise. Und das, während viele Ihrer Zielregionen schon heute unter massivem Wassermangel leiden.

Herr Ebel, Sie preisen im Geschäftsbericht besonders Afrika mit großem Wachstumspotenzial an. Nehmen wir als Beispiel ihre Riu und Jaz Resorts auf Sansibar oder Gambia mit TUI Blue Tamala: UNICEF-Daten zeigen, dass nur 31 Prozent der Tansanier*innen beziehungsweise 48 Prozent der gambischen Bevölkerung überhaupt sicheren Zugang zu sauberem Trinkwasser haben.

Da wir in ihrem Geschäftsbericht keine Angaben zu spezifischen Risikoanalysen für ökologische und soziale Auswirkungen in ihren Clusterregionen finden können hier meine ersten Fragen an Sie:

  1. Welche Kriterien umfassen ihre Risikoanalysen in Clustergebieten und warum fehlen die Analysen in ihrem Bericht?
  2. Welche Schwellenwerte setzt TUI sich für negative Effekte wie Übernutzung, Wasserstress, Biodiversitätsverlust oder Abhängigkeiten?
  3. Ab welchem Niveau lokalen Wasserstresses und Wasserknappheit würden Sie auf weiteres Wachstum in einer Region verzichten oder ihre Strategie anpassen?
  4. Pro Urlauber und Tag verbraucht ein Tourist nach Agenda 2030 durchschnittlich über 7000 Liter Wasser. Wie hoch ist der durchschnittliche Wasserverbrauch pro Gast und Übernachtung zum Beispiel in ihren Resorts in Gambia und Sansibar?
  5. Welchen lokalen Wertschöpfungsanteil in Prozent nennen Sie für Sansibar und Gambia nach Abzug von TUI-Margen und Importen, wenn gleichzeitig der Ressourcenverbrauch vor Ort steigt?
  6. Wie stellen Sie generell sicher, dass lokale Bedürfnisse gegenüber TUI-Auslastungsoptimierung priorisiert werden?

TUI’s Oman Partnerschaft
Die Fragen zu Wasser, Wertschöpfung und Belastungsgrenzen gelten nicht nur für bestehende Cluster wie Sansibar und Gambia. Sie werden auch interessant, wenn wir auf Ihre neue strategische Partnerschaft im Oman schauen. Dort zeigt sich exemplarisch, wie TUI Clusterlogik, staatliche Beteiligung und großskaligen Ressourceneinsatz verknüpft.

In einem globalen Ranking vom World Resources Institute (WIR) wird der Oman auf Platz fünf der Länder mit dem höchsten Wasserstress eingestuft. Zwar hat der Oman seine Wasserinfrastruktur massiv ausgebaut und das auch mit Erfolgen, dennoch bleiben die Kernprobleme des erschöpften Grundwassers, der geringen Niederschläge und auch der großen Energieabhängigkeit weiter bestehen.
Der hohe Energiebedarf wiederum ergibt sich aus den energieintensiven Entsalzungsanlagen, auf die rund 85 Prozent der Bevölkerung angewiesen sind, um sauberes Trinkwasser zu bekommen.
Die Folgen dieses Vorgehens machen sich an den Golfküsten längst bemerkbar. Die großen Mengen Salzlake, die ins Meer zurückgepumpt werden, schädigen zum einen dem marinen Ökosystem – durch erhöhten Salzgehalt, Sauerstoffmangel und toxische Chemikalien, sie versalzen aber auch die Böden und das Grundwasser bis zu 7 Kilometer landeinwärts, wodurch auch Agrarflächen unbenutzbar werden.

TUI will nun die Region Dhofar zu einem neuen Cluster ausbauen. Mit fünf Hotels, Kreuzfahrtanbindung und Freizeitangeboten. Gleichzeitig ist die staatliche OMRAN-Gesellschaft als Aktionärin bei TUI eingestiegen.
Wir sehen hier ein Geflecht aus Kapital- und Ressourceninteressen, das man kritisch betrachten muss. Denn auch im Fall Oman macht ihr Geschäftsbericht keinerlei Angaben zu Wasserverbrauch, Energiebedarf, Abfallströmen oder Importquoten.

Herr Ebel und Herr Zetsche:

  1. Welche konkreten Wasserverbrauchsziele pro Gästebettnacht haben Sie für Dhofar festgelegt, verglichen mit lokalen Standards?
  2. Im Risikobericht fehlen wasserbezogene Risiken für den Oman: Liegt eine unabhängige Studie vor, und wenn ja, wann veröffentlichen Sie diese? Und welche Szenarien haben Sie für Dürrejahre entwickelt?
  3. Wie hoch schätzen Sie den Energiebedarf des neuen Clusters ein und wie planen Sie diesen abzudecken?
  1. Welche Due-Diligence-Kriterien haben Sie für OMRAN angewandt?
  2. Haben Sie eine unabhängige Studie zu Sole-Auswirkungen auf Dhofar-Küstenökosysteme gefordert, und wenn ja, wann veröffentlichen Sie diese?
  3. Welcher Prozentsatz der Wertschöpfung bleibt in Dhofar bei lokalen Partnern, wenn TUI Flug, Hotel und Ausflüge kontrolliert?
  4. Welchen Prozentsatz der Baukosten, Lebensmittel und Dienstleistungen in Dhofar planen Sie aus dem Ausland zu beziehen?

TUI´s Clusterentwicklung und die aktuelle Oman-Partnerschaft zeigen eine fragwürdige Expansionsstrategie: Wachstum und Kapitalinteressen vor lokalen Bedürfnissen, ohne Transparenz über Ressourcenverbrauch und Wertschöpfung.

TUI Care Foundation
Dieses Muster wiederholt sich auch bei der TUI Care Foundation, die TUI als Beweis für seine nachhaltige Wirkung aufführt.
Wir erkennen durchaus gute Ansätze: Mit der Foundation unterstützen Sie Projekte in über 30 Ländern zu Bildung, Umweltschutz und zur Stärkung der Sozialstandards. Und auch die Futureshapers-Programme klingen vielversprechend.
Die Suche nach konkreten Zahlen im Geschäftsbericht ist hier aber ebenso vergeblich.
Auch in der nichtfinanziellen Konzernerklärung finden sich keine Angaben zu Ausbildungszahlen, Übernahmequoten, Löhnen im Vergleich zu regionalen Standards oder langfristigen Beschäftigungsperspektiven.
Unser Gegenantrag kritisiert zurecht: Ohne diese Informationen bleibt unklar, ob Teilnehmer*innen durch die TUI Care Foundation wirklich an Rechten und Chancen gewinnen und nachhaltig profitieren oder nur in eine einseitige Abhängigkeit vom Konzern geraten.

Gerade in wirtschaftlich schwachen Destinationen drohen Bildungsprogramme, wie die TUI -Academy, die Defizite zugunsten günstiger Arbeitskräfte für das eigene Geschäftsmodell zu instrumentalisieren. Wenn Teilnehmerinnen nach der Ausbildung direkt in TUI Betrieben zu niedrigen lokalen Löhnen arbeiten, aber keine Perspektive jenseits dieses einen Konzerns haben, ist das kein Empowerment, sondern ein Einfallstor für Ausbeutung.

Sie schreiben viel über Stakeholder Dialoge, Wesentlichkeitsanalysen und Menschenrechtssorgfaltspflichten, aber an dieser Stelle verweigern Sie die Transparenz, die notwendig wäre, um die TUI Care Foundation glaubwürdig beurteilen zu können.
Ohne ESRS konforme Daten zu Wirkungen, ohne Lohnvergleiche mit Lebenshaltungskosten und ohne Langzeitstudien zur Beschäftigungsentwicklung, bleiben ihre Aussagen zur positiven Rolle des Foundation und zur Wirksamkeit ihrer „Changemaker-Initiative“ zweifelhaft.
Wer mit Nachhaltigkeit wirbt, muss sich auch an überprüfbaren Ergebnissen messen lassen, nicht nur an wohlformulierten Absichtserklärungen.

Daher meine Anschlussfragen an Sie:

  1. Wie viele Teilnehmerinnen hatte die TUI Care Foundation 2025 ausgebildet, welchen Prozentsatz hat TUI übernommen, und wie hoch waren die Einstiegsgehälter der Absolventinnen im Verhältnis zum lokalen Medianlohn?
  2. Liegt eine unabhängige Langzeitstudie oder Wirksamkeitsprüfung vor, die die Dropout-Raten, den Beschäftigungsstatus nach mehreren Jahren und die Lohnentwicklung misst, und warum fehlen auch diese Daten in der Nachhaltigkeitsberichtserstattung?
  3. Welche Kriterien trennen Bildungsprogramme von der bloßen Sicherung günstiger Arbeitskräfte für TUI?
  4. Wie dokumentieren Sie nachhaltige Rechteverbesserungen vor Ort?
  5. Wie messen Sie die langfristige Beschäftigungsfreiheit?

Sehr geehrte Aktionärinnen und Aktionäre, diese Beispiele zeigen ein klares Muster: Vorstand und Aufsichtsrat treiben Wachstum vor lokaler Realität voran und feiern Rekordergebnisse und neue Dividendenpolitiken.
Während TUI Gewinne macht, werden die Umwelt- und Sozialkosten – wie Wassermangel und versalzte Böden und Meere, die zur Grundsicherung für manche Menschen von zentraler Bedeutung sind – unterschätzt und vor allem systematisch verschwiegen.
Der Geschäftsbericht pflegt zwar ein positives Narrativ, aber Wachstum ohne verantwortungsvolle Absicherung ist in unseren Augen inakzeptabel.
Wir fordern mehr Transparenz zu Ressourcenverbrauch, Wertschöpfungsanteilen und der potenziellen Abhängigkeit von Beschäftigten durch TUI-Programme, damit klar wird, ob lokale Gemeinschaften gestärkt oder in Konzernabhängigkeit gedrängt werden.


Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit. Ich freue mich auf Ihre Antworten.

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