„Eigentümer der Volkswagen AG bekommen den Bauch nicht voll genug“: Rede von Markus Dufner

Rede von Markus Dufner auf der virtuellen Hauptversammlung der Volkswagen AG am 16.05.2025

Sehr geehrte Aktionärinnen und Aktionäre,
Mitglieder von Vorstand und Aufsichtsrat der Volkswagen AG,

mein Name ist Markus Dufner. Ich bin Geschäftsführer des Dachverbands der Kritischen Aktionärinnen und Aktionäre. Mit unseren 30 Mitgliedsorganisationen sowie Kooperationspartnern aus den Bereichen Umwelt und Menschenrechte repräsentieren wir einen Teil der Zivilgesellschaft. Zudem ist der Dachverband Mitglied der Klimaallianz Deutschland mit 155 Mitgliedsorganisationen.

Herr Dr. Blume und Herr Pötsch, ich stelle heute die Gegenanträge des Dachverbands zu den Tagesordnungspunkten 2, 3 und 4.

Ich beginne mit TOP 2, Verwendung des Bilanzgewinns.

Herr Blume und Herr Pötsch: Ihr Dividendenvorschlag von 6,36 Euro pro Vorzugsaktie und 6,30 Euro je Stückaktie ist eine Frechheit. Das ist nicht nur sozial und ökologisch unverantwortlich, es untergräbt schlicht alle Bemühungen, Volkswagen aus der Krise zu führen.

Dieser Dividendenvorschlag lässt eigentlich nur zwei Schlüsse zu: Entweder ist die Krise bei Volkswagen doch nicht so groß, wie vom Vorstand und von Teilen des Aufsichtsrats öffentlich kommuniziert wird. Oder beide Gremien ziehen nicht die richtigen Schlüsse aus der eigenen Problemanalyse.

Wir müssen uns wirklich die Augen reiben: Während in der Berichterstattung die Wörter „Krise“ und „Volkswagen“ nicht mehr zu trennen sind, Gewinne einbrechen, die Beschäftigten auf Lohnerhöhungen verzichten und die Werke in Dresden und Osnabrück geschlossen werden sollen, halten es Vorstand und Aufsichtsrat für angemessen, über drei Milliarden Euro als Dividende auszuschütten, anstatt diesen Betrag in die Zukunft des Unternehmens und seiner Belegschaft zu investieren.

Dies passt nicht zusammen. So wird es kaum gelingen, aus der zum größten Teil selbst verschuldeten Krise zu kommen. Es braucht erheblich mehr Investitionen in ein sozial-, umwelt- und klimagerechtes Geschäftsmodell.

Wir können diesem – ja unverschämten – Dividendenvorschlag daher nicht zustimmen. Sie, geehrte Aktionärinnen und Aktionäre fordern wir auf, diesem Vorschlag ebenfalls nicht zuzustimmen. Auch das Land Niedersachen hätte schon mittelfristig einen größeren Nutzen, wenn Volkswagen mehr in die eigene Zukunft investieren würde, insbesondere in die Zukunft der Standorte in Niedersachen.

Herr Ministerpräsident Weil, Sie sind als Mitglied des Aufsichtsrats heute leider nicht bei dieser Hauptversammlung anwesend. Das Land Niedersachsen und damit Sie müssen sich fragen lassen, ob es das Vorgehen des Vorstands mitträgt. Es ist nicht nachvollziehbar, wie der Vorstand einerseits mit Arbeitsplatzabbau und Werksschließungen droht und gleichzeitig diese Dividende ausschüttet. Hinzu kommt noch der Ruf nach Staatshilfen. Die Förderungen sollen den Verkauf von E-Autos antreiben. Doch was dem Konzern hilft, kommt nicht unbedingt den deutschen Werken zu Gute. Dieses Verhalten untergräbt die Glaubwürdigkeit des Managements gegenüber der Politik, der Öffentlichkeit und insbesondere gegenüber der eigenen Belegschaft.

Leider haben wir bei der Volkswagen AG einen Akteur, der offenbar den Bauch nicht voll genug bekommen kann: die Porsche Automobil Holding SE.  Mit ihrer Aktien-Mehrheit agiert sie einmal mehr unverantwortlich. Die Familien Porsche und Piëch handeln ausschließlich im eignen Interesse, statt die Gewinne in sozial und ökologisch tragfähige Zukunftsperspektiven für die Volkswagen AG zu investieren.

Zu unserem Gegenantrag zu TOP 3: Warum können wir den Vorstand nicht entlasten? 

Der Vorstand wird weiterhin seiner sozialen und ökologischen Verantwortung nicht gerecht. In der aktuellen Krisensituation setzt der Vorstand einseitig auf Einsparungen und geht auf Konfrontation mit der eigenen Belegschaft, statt in neue, zukunftsfähige Arbeitsplätze zu investieren. Dies hat zu einem massiven Vertrauensbruch bei vielen Beschäftigten geführt. Sie zweifeln offen, dass der aktuelle Vorstand die richtigen Maßnahmen angeht, und entwickeln eigene Ideen und Vorschläge. So lautete ein Transparent von gewerkschaftlichen Vertrauensleuten bei der Warnstreikdemo am 2. Dezember 2024 in Wolfsburg: „Lieber Vorstand! Statt Krise und mit Gier – wenn ihr nicht könnt, übernehmen wir!“

Herr Blume, manchmal entstand der Eindruck, dass Sie die Krise bei VW bewusst überzeichnen, um Subventionen und Steuermittel abzugreifen und notwendigen Regulierungen verhindern zu können. So stellten Sie die Zeitpläne für das Verbrenner-Aus in Frage. All das hat nicht nur für Unsicherheit innerhalb der VW-Belegschaft gesorgt, sondern es hat zu gesamtgesellschaftlichen Erschütterungen geführt. Viele Menschen fragen sich, ob die deutsche Automobilindustrie international noch wettbewerbsfähig ist und befürchten, dass der Wirtschaftsstandort Deutschland unter die Räder kommt.

Herr Blume, im Gegensatz zu BMW hat Volkswagen zentrale Branchentrends verschlafen und sich strategisch zu spät neu ausgerichtet. Volkswagen hinkt bei der Markteinführung entscheidender Elektromodelle im Volumensegment hinterher. Der ID.2 wird voraussichtlich erst 2026 in relevanten Stückzahlen verfügbar sein, der ID.1 sogar erst 2027 oder später. Diese Verzögerungen sind ein Zeichen mangelnder strategischer Weitsicht und Umsetzungsgeschwindigkeit des Vorstands. Sie führen dazu, dass Volkswagen wichtige Marktanteile im Zukunftsmarkt der Elektromobilität an Wettbewerber verliert. Die Lobbyarbeit des Vorstands erscheint vor diesem Hintergrund auch als Versuch, eigene Versäumnisse durch regulatorische Erleichterungen zu kompensieren. Welche Erklärung haben Sie dafür?

Herr Dr. Blume, die von Ihnen Vorstand beklagte Absatzschwäche, insbesondere im Schlüsselmarkt China, ist hausgemacht. Es mangelt an attraktiven und wettbewerbsfähigen Produkten, die den dortigen Kundenanforderungen entsprechen. Die kürzlich eingegangene und kostspielige Kooperation mit Rivian (Investitionsvolumen bis zu 5,8 Mrd. USD) muss nun unter hohem Druck kurzfristig Ergebnisse liefern, um die strategischen Lücken zu schließen. Dies birgt erhebliche finanzielle Risiken und zeigt, dass der Vorstand die Marktentwicklung nicht rechtzeitig antizipiert hat.

Was geschieht jetzt mit Ihrer Software-Tochter Cariad? Sie hatte immer wieder mit Problemen zu kämpfen. Weil die von ihr entwickelte Software nicht rechtzeitig fertig wurde, mussten Audi und Porsche die Einführung neuer Modelle verschieben.

Herr Dr. Blume, was macht Sie so sicher, dass Ihr Joint-Venture mit dem US-Elektroautobauer Rivian besser funktioniert? Wieviel haben Sie 2024 in die Kooperation investiert und wieviel werden Sie 2025 und 2026 investieren?

Noch immer ist unklar, wie Volkswagen mit menschenrechtlichen Risiken umgeht. In der gesamten chinesischen Region Ostturkistan/Xinjiang sind gravierende Menschenrechtsverletzungen wie Zwangsarbeit in Gefangenenlagern unter grausamsten Bedingungen vielfach dokumentiert. Zwar hat Volkswagen nun seine umstrittene Fabrik und Teststrecken in der Region verkauft, doch es bleibt weiterhin völlig unklar, ob und inwieweit Volkswagen mit den bekannten menschenrechtlichen Risiken in China angemessen umgeht. Wir können nicht nachvollziehen, wie Volkswagen etwa mit weiteren Audits den eigenen menschenrechtlichen Sorgfaltspflichten effektiv nachkommen kann.

Sehr geehrte Aktionärinnen und Aktionäre, noch ein wichtiger Grund, dem Vorstand der Volkswagen AG die Entlastung zu verweigern, ist die Beteiligung an dem Kartell im Zusammenhang mit wirksamen Recyclinglösungen. Die EU-Kommission hat kürzlich unter anderem gegen Volkswagen eine Kartellstrafen in mit rund 128 Millionen Euro verhängt. Volkswagen hatte sich illegalerweise mit 14 anderen Unternehmen beim Recycling von Autos abgesprochen. Durch die Absprachen über 15 Jahre hinweg ist nicht nur der Wettbewerb bei der Entwicklung und Umsetzung von Recyclingstandards und -technologien zumindest eingeschränkt worden, sondern hat sehr wahrscheinlich dazu geführt, dass umweltfreundlichere und effizientere Recyclinglösungen später oder gar nicht erst eingeführt wurden, weil sich die beteiligten Unternehmen insgeheim auf niedrigere gemeinsame Standards oder kostengünstigere Verfahren geeinigt hatten. Einmal mehr hat Volkswagen dreist und unter hohen Risiken die eigenen, kurzfristigen Kosteninteressen über ökologische Verantwortung gestellt.

Herr Dr. Blume und Herr Pötsch, inwiefern waren Sie und andere Mitglieder des Vorstands und Aufsichtsrat oder frühere Vorstands- und Aufsichtsratsmitglieder in das Kartell verwickelt?
Von wem ging die Anweisung aus, sich am Kartell zu beteiligen?

Wird der Volkswagen-Konzern Sie, Herrn Dr. Blume, und Sie Herrn Pötsch, im Zusammenhang mit dem Recycling-Kartell wegen Pflichtverletzungen haftbar machen?
Herr Pötsch, das Recycling-Kartell fällt auch in Ihre Amtszeit als VW-Finanzvorstand.
Wann erfuhren Sie von diesem Kartell? Oder haben Sie dieses Kartell gar mit initiiert?  
Herr Blume und Herr Pötsch, werden Sie irgendwelche Konsequenzen aus der Verurteilung und aus der Strafzahlung ziehen? Gab es innerhalb von Volkswagen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die vor eine Beteiligung am Kartell gewarnt haben?


Weitere wichtige Kritikpunkte, warum wir auch den Aufsichtsrat von Volkswagen nicht entlasten, hat schon mein Kollege Christian Russau vorgetragen.
Herr Pötsch, der Aufsichtsrat ist seiner Aufgabe als Kontrollorgan des Vorstands nicht hinreichend nachgekommen und hat es versäumt, auf Entschädigung für ehemalige Sklavenarbeiter*innen in Brasilien hinzuwirken.

Sehr geehrte Aktionärinnen und Aktionäre, ich hoffe, dass meine Kolleginnen und Kollegen und ich Ihnen überzeugend Gründe vermittelt haben, warum der Vorstand und Aufsichtsrat von Volkswagen nicht entlastet werden sollte.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

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