Sehr geehrte Mitglieder des Vorstands,
sehr geehrte Mitglieder des Aufsichtsrats,
sehr geehrte Damen und Herren,
der Krieg im Sudan ist die Größte humanitäre Krise der Gegenwart. Er hat Hunderttausende Menschenleben gefordert und mehr als 11 Millionen Menschen vertrieben. Nach Angaben der Vereinten Nationen sind rund 25 Millionen Menschen – etwa die Hälfte der sudanesischen Bevölkerung – auf dringende humanitäre Hilfe angewiesen, um eine Hungersnot abzuwenden. Dies ist aber nicht nur eine sudanesische Tragödie.
Die Folgen dieses Konflikts reichen weit über den Sudan hinaus. Sie sind zunehmend in der gesamten Region und auch in Europa spürbar – durch Vertreibung, Migrationsdruck, und politische Instabilität. Während die sudanesische Bevölkerung die größte Last trägt, werden die wirtschaftlichen und humanitären Kosten letztlich von Regierungen, Steuerzahlern, Unternehmen und Investoren weltweit mitgetragen. Umso wichtiger ist es, dass europäische und deutsche Unternehmen sicherstellen, dass ihre Lieferketten nicht direkt oder indirekt zur Finanzierung dieses Konflikts beitragen.
Gold ist zu einer der wichtigsten Finanzierungsquellen dieses Krieges geworden. Sowohl die Sudanese Armed Forces (SAF) als auch die Rapid Support Forces (RSF) finanzieren ihre militärischen Aktivitäten durch Einnahmen aus dem Goldhandel. Gleichzeitig gelangt sudanesisches Gold weiterhin über regionale Handelsdrehscheiben und globale Lieferketten auf internationale Märkte. Daraus ergibt sich eine unmittelbare Sorgfaltspflicht für Unternehmen wie Volkswagen, die Gold und andere sogenannte 3TG-Rohstoffe in ihren Lieferketten verwenden.
Volkswagen erklärt in seinem Responsible Raw Materials Report 2025 sowie im aktuellen Geschäftsbericht, über strukturierte Sorgfaltssysteme für 3TG-Rohstoffe zu verfügen, darunter Lieferantenbefragungen, Schmelzbetriebs-Monitoring und Risikobewertungen.
Vor Kurzem veröffentlichte das Centre for Environmental and Social Studies (CESS) den Bericht „DER FALL VOLKSWAGEN: Auf den Spuren des sudanesischen Goldes durch globale Lieferketten“. Der Bericht legt nahe, dass die bestehenden Mechanismen zur Risikobewertung, Überwachung und Rückverfolgbarkeit möglicherweise nicht ausreichen, um konfliktbezogenes Gold zuverlässig aus den Lieferketten des Unternehmens auszuschließen.
Besonders besorgniserregend ist, dass der Bericht dokumentiert, dass die “Sudan Gold Refinery” (CID002567) noch 2024 weiterhin in den Lieferkettenberichten von Volkswagen auftauchte, obwohl die Raffinerie Berichten zufolge während des Krieges besetzt, geplündert und außer Betrieb gesetzt worden war.
Dies wirft grundlegende Fragen hinsichtlich der Wirksamkeit der Rückverfolgbarkeits-, Überwachungs- und Sorgfaltssysteme von Volkswagen auf.
Meine Fragen sind daher:
- Von welchen Minen, Schmelzen und Zulieferern haben Sie letztes Jahr und auch aktuell welche Rohstoffe aus dem Sudan in welchen Mengen bezogen, direkt oder indirekt?
- Die Sudan Gold Refinery (CID002567) wurde weiterhin im Responsible Raw Materials Report 2024 von Volkswagen aufgeführt, obwohl die Raffinerie Berichten zufolge während des Krieges besetzt, geplündert und außer Betrieb gesetzt worden war. Wie erklärt Volkswagen diesen Widerspruch, und was sagt dies über die Zuverlässigkeit der eigenen Sorgfaltssysteme aus?
- Hat Volkswagen eine spezifische Risikoanalyse zum Krieg im Sudan und zum Risiko durchgeführt, dass konfliktbezogenes sudanesisches Gold über Handelsdrehscheiben wie die Vereinigten Arabischen Emirate in die Lieferketten des Unternehmens gelangen könnte? Falls ja, zu welchen Ergebnissen kam diese Analyse?
- Kann Volkswagen ausschließen, dass Gold und andere relevante Rohstoffe mit Bezug zum Sudan direkt oder indirekt in seine Lieferkette gelangt ist? Falls ja, auf welcher Grundlage und anhand welcher Nachweise kommt das Unternehmen zu dieser Einschätzung?
- Welche konkreten Maßnahmen hat Volkswagen seit April 2023 ergriffen, um das Risiko konfliktbezogener Rohstoffe aus dem Sudan, insbesondere Gold, in seinen Lieferketten zu identifizieren, zu untersuchen und zu minimieren? Wurden Lieferanten, Schmelzbetriebe oder Zwischenhändler überprüft, suspendiert oder aus der Lieferkette ausgeschlossen?
- Können Sie Volkswagen offenlegen, welche Lieferanten, Schmelzbetriebe und Zwischenhändler mit der Sudan Gold Refinery (CID002567) oder mit der Goldproduktion in konfliktbetroffenen Regionen des Sudans in Verbindung stehen, und eine unabhängige Überprüfung dieser Informationen zulassen? Wenn Sie dies nicht offenlegen wollen oder können, wären Sie dazu bereit, nicht-öffentliche Kommunikationswege für relevante Stakeholder zu ermöglichen?
- Werden Sie IhreWird Volkswagen seine Berichterstattung im Einklang mit den OECD-Leitlinien und dem deutschen Lieferkettengesetz weiterentwickeln und länderspezifische Informationen zu Risiken und Maßnahmen in Konflikt- und Hochrisikogebieten – einschließlich des Sudan – veröffentlichen, anstatt ausschließlich aggregierte Informationen bereitzustellen?
- Falls Volkswagen von der Wirksamkeit seiner Sorgfaltssysteme überzeugt ist: Wird das Unternehmen eine unabhängige Prüfung seiner Sorgfaltspflichten im Zusammenhang mit konfliktbezogenem sudanesischem Gold aus dem Sudan beauftragen und die Ergebnisse sowie länderspezifische Erkenntnisse zu Sudan-bezogenen Risiken und Gegenmaßnahmen veröffentlichen?
- In Ihrem Ausblick für 2026 schreiben Sie: “Wir planen, die Antwortquoten der Lieferanten zu verbessern, den Anteil der RMAP-konformen 3TG-Schmelzen zu erhöhen, die Zusammenarbeit mit wichtigen Tier-1-Lieferanten fortzusetzen, eine Studie zu wirksamen Maßnahmen zur Risikominderung bei 3TG durchzuführen und unseren Ansatz neu zu bewerten.” Was ist der aktuelle Stand zu diesen einzelnen Punkten?
- Wie wollen Sie sicherstellen, dass die Steigerung von Antwortquoten nicht zu einer rein administrativen Maßnahme wird, sondern zu nachweisbaren Verbesserungen bei der Rückverfolgbarkeit in der Lieferkette und zur Beseitigung von Konfliktrisiken führt?
- Können Sie uns hier und heute versichern und bestätigen, dass Volkswagen alle notwendigen Maßnahmen ergreift, um sicherzustellen, dass Volkswagen weder direkt noch indirekt von konfliktfinanzierten Rohstoffen profitiert – insbesondere von Gold, das mit der anhaltenden Kriegswirtschaft im Sudan in Verbindung steht? Falls Sie eine solche Zusicherung geben: Wie setzen Sie diese Verpflichtung in der Beschaffungspraxis um, und welche Mechanismen gibt es für eine unabhängige Überprüfung?
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.
Antworten von Manfred Döss, Rechtsvorstand der Volkswagen AG:
(die Fragen zusammenfassend): „Sie fragen: Ist Volkswagen bereit, seine Berichterstattung im Einklang mit der OECD-Leitlinie und dem deutschen Lieferkettengesetz weiterzuentwickeln und künftig landesspezifische Informationen zu Risiken in der Lieferkette und Risikominderungsmaßnahmen im Konflikt- und Hochrisikogebieten einschließlich des Sudan offenzulegen?
(Antwort): Frau Alnour, Volkswagen entwickelt seine Berichterstattung kontinuierlich im Einklang mit regulatorischen Anforderungen und OECD-Leitlinien weiter. Neue Anforderungen wie zum Beispiel die EU-Batterieverordnung, Entwaldungsverordnung oder das Lieferketten-Sorgfaltspflichtengesetz fließen strukturiert in zukünftige Berichte ein.“
(die Fragen zusammenfassend): „Im Fokus stehen dabei die Maßnahmen von Volkswagen zur Vermeidung von Konfliktfinanzierung, die Nachvollziehbarkeit und Offenlegung der Lieferkette sowie die zugrunde liegenden Prüf- und Kontrollmechanismen. Zudem wird hinterfragt, welche Risikoanalysen seit Beginn des Sudan-Konflikts durchgeführt wurden und ob entsprechende Risiken ausreichend adressiert worden sind. Schließlich zielen die Fragen auch auf die Verlässlichkeit der Berichterstattung und die Glaubwürdigkeit der Due Diligence-Prozesse ab.
(Antwort) Die Volkswagen-Gruppe hat zu keinem Zeitpunkt eine direkte Geschäftsbeziehung mit dem von ihnen genannten Unternehmen Sudan Gold Refinery. Zudem unterhält Volkswagen keine weiteren direkten Lieferbeziehungen in den Sudan. Konfliktmineralien beziehen wir grundsätzlich nicht direkt von Minen oder Schmelzen. Gold gelangt ausschließlich indirekt und in sehr geringen Mengen über mehrere tausend Bauteile in unsere Produkte. Volkswagen ist dabei teilweise bis zu neun Stufen in der Lieferkette von den Minen entfernt. Das von ihnen genannte Unternehmen wurde im Jahr 2024 im Konflikt-Materials-Reporting-Template der Volkswagen-Gruppe als potenzielle Schmelze in einer tiefen Lieferkette genannt. Eine solche Nennung bedeutet jedoch nicht, dass das Unternehmen tatsächlich in direkter Geschäftsbeziehung zum Volkswagen-Konzern steht. Aufgrund der hohen Komplexität globaler Lieferketten sowie der Datenerhebung auf Unternehmensebene und nicht auf Bauteilebene kann eine Beteiligung weder mit absoluter Sicherheit bestätigt noch ausgeschlossen werden. Nach Informationen der Responsible Minerals Initiative wurden die Aktivitäten der Schmelze im Jahr 2024 eingestellt. Unabhängig davon schätzen wir die investigativen Arbeiten von Journalisten und NGOs und gleichen deren Erkenntnisse mit unseren eigenen Analysen ab. Dies unterstützt unsere fortlaufenden Bemühungen, den Dialog mit Lieferanten und relevanten Stakeholdern zu vertiefen und nicht konforme Schmelzen schrittweise aus unserer Lieferkette zu entfernen.“







