Zalando SE Hauptversammlung 2026

Zwischen Anspruch und Umsetzung: Zalando muss Nachhaltigkeit messbarer und verbindlicher gestalten: Rede von Matthias Bachmann

Sehr geehrte Aktionärinnen und Aktionäre,
sehr geehrte Mitglieder von Vorstand und Aufsichtsrat,

ich spreche heute für den Dachverband der Kritischen Aktionärinnen und Aktionäre.

Viele wichtige Themen wurden bereits angesprochen und viele gute Fragen gestellt. Ich versuche das zu berücksichtigen und entsprechend zu verkürzen.

Im Nachhaltigkeitsbericht formuliert Zalando ambitionierte Ziele, viele Problembereiche werden erkannt und offen benannt. Das ist grundsätzlich positiv.

Gerade deshalb stellt sich für uns jedoch die Frage:

Führen diese ambitionierten Ziele tatsächlich zu strukturellen Veränderungen? – oder bleibt Nachhaltigkeit am Ende vor allem ein strategisches Narrativ?

Denn beim Lesen des Geschäftsberichts fällt auf:
Zalando beschreibt sehr viele „Bestrebungen“, Strategien und Visionen – deutlich seltener jedoch konkrete Maßnahmen, überprüfbare Zwischenziele oder verbindliche Anforderungen.

Zudem ist eine kritische Analyse der Zahlen, insbesondere im Nachhaltigkeitsbericht, durch die ABOUT-YOU-Übernahme im diesjährigen Geschäftsbericht kaum möglich geworden.

Dadurch entsteht aus unserer Sicht ein Transparenzproblem.

Denn für Aktionärinnen und Aktionäre ist nur schwer nachvollziehbar, welche Fort- oder Rückschritte tatsächlich operativ erzielt wurden. Eine zusätzliche Spalte mit vergleichbaren Angaben wäre hier angemessen und auch sicher machbar gewesen.

Die Transparenz der Nachhaltigkeitsberichterstattung gibt generell Anlass zur Kritik.

Im Bericht räumt Zalando selbst ein, dass fehlende Daten – beispielsweise zu Lebenszyklusanalysen – die Überwachung der Fortschritte erschweren.

Das ist nicht nur bei Zalando der Fall und liegt sicher auch daran, dass die Berichtspflichten noch nicht lange gelten. Laut Geschäftsbericht arbeitet Zalando an einer besseren Daten- und Kennzahlenbasis.

Vor diesem Hintergrund möchten wir fragen:

Wann rechnet Zalando damit, tatsächlich belastbare Daten erheben und damit belastbare Nachhaltigkeitsberichte erstellen zu können?

Und:

In welchen Bereichen beruhen die Nachhaltigkeitsangaben derzeit überwiegend auf Selbstauskünften von Markenpartnern – statt auf unabhängigen Prüfungen?

Zalando erkennt im Geschäftsbericht selbst an, dass die größten Umweltbelastungen entlang der Wertschöpfungskette entstehen.

Positiv hervorheben möchte ich zunächst, dass Zalando mittlerweile durchaus Mindestanforderungen für Partner und Lieferanten formuliert. Zalando nennt hier beispielsweise Anforderungen an Materialien, Chemikalienmanagement, Produktsicherheit und weitere Nachhaltigkeitsaspekte.

Das zeigt, dass das Unternehmen grundsätzlich bereit ist, ökologische Standards in die Lieferkette einzubringen.

Das Problem ist jedoch:

Diese Anforderungen wirken bislang eher wie grundlegende Mindeststandards – nicht wie ein konsequenter Hebel zur tatsächlichen Transformation der Lieferkette.

Gerade dort, wo der größte Teil der Emissionen und des Ressourcenverbrauchs entsteht – also im Scope-3-Bereich –, bleibt der Ansatz von Zalando aus unserer Sicht weiterhin zu unverbindlich.

Denn ein Unternehmen mit der Marktstellung von Zalando könnte erheblich stärkeren Einfluss auf Hersteller und Markenpartner ausüben.

Und die Scope-1- und Scope-2-Emissionen sind, bezogen auf das Basisjahr 2018, um 1,2 Prozent gestiegen, die Scope-3-Emissionen gegenüber dem Vorjahr sogar um 11,6 Prozent. Das steht stark im Widerspruch zu den erklärten Zielen.

Vor diesem Hintergrund möchten wir fragen:

Erklärt sich dieser Anstieg allein durch die Umsatzsteigerung und die ABOUT-YOU-Übernahme? Oder anders gefragt: Wie hätten sich die Emissionen ohne die ABOUT-YOU-Übernahme entwickelt?

Wie will Zalando seine Netto-Null-Ziele glaubwürdig erreichen, wenn der emissionsstärkste Teil des Geschäftsmodells offenbar überwiegend über freiwillige Zusammenarbeit gesteuert wird?

Welche konkreten Nachhaltigkeitskriterien müssen Drittmarken heute erfüllen, um langfristig auf der Plattform verkauft werden zu dürfen?

Plant Zalando, die bestehenden Mindeststandards – vor allem im Scope-3-Bereich – künftig deutlich auszuweiten und verbindlicher zu gestalten, insbesondere bei Klima-, Wasser- und Chemikalienstandards?

Und warum setzt Zalando hier weiterhin primär auf freiwillige Kooperation statt auf verbindliche und überprüfbare Standards für Drittmarken?

Baumwolle, Rohstoffe und Recycling

Besonders kritisch sind in der Textilindustrie die Rohstofflieferketten – insbesondere Baumwolle. Aber auch die Lederlieferkette ist für ihre Entwaldungsrisiken bekannt, gerade im Amazonasgebiet.

Auch hier setzt Zalando leider hauptsächlich auf freiwillige Branchenstandards. Mehr unabhängige Prüfungen und Zertifizierungen oder Bedingungen wären gerade in diesem Bereich wünschenswert, denn diese Standards lösen viele bekannte Probleme nicht hinreichend.

Deshalb möchten wir fragen:

Welche Länder stuft Zalando derzeit als Hochrisikoländer für den Bezug von Baumwolle ein?

Plant Zalando langfristig, strengere Standards wie GOTS oder physisch rückverfolgbare Baumwollsysteme stärker einzusetzen?

Wie ist die Situation bei anderen Rohstoffen wie Leder?

Welche konkreten Maßnahmen ergreift Zalando, um Risiken wie Umweltzerstörung, problematischen Pestizideinsatz oder menschenrechtliche Probleme in diesen Lieferketten zu minimieren?

Außerdem erklärt Zalando, den Einsatz von Primärrohstoffen bei den Eigenmarken schrittweise reduzieren und den Anteil recycelter Materialien erhöhen zu wollen.

Das ist grundsätzlich positiv.

Allerdings bleibt aus unserer Sicht offen, wie konkret diese Transformation eigentlich geplant ist.

Hier interessiert uns:

Gibt es hierfür einen konkreten Zeitplan mit überprüfbaren Zwischenzielen und Zielquoten für recycelte Materialien?

Gerade bei Rohstoffen ist Transparenz entscheidend, um Fortschritte nachvollziehen zu können.

Das strukturelle Problem des Geschäftsmodells

Zalando räumt im Nachhaltigkeitsbericht selbst ein, dass Retouren, Überbestände und nicht verkaufte Produkte erhebliche Umwelt- und Abfallprobleme verursachen.

Gleichzeitig basiert das Geschäftsmodell weiterhin auf immer höheren Bestellzahlen und wachsendem Konsum. 2025 verzeichnete Zalando fast 279 Millionen Bestellungen.

Bei annähernd gleichbleibender Retourenquote steigen damit zwangsläufig auch die absoluten Retourenmengen.

Dies führt mich zu folgenden Fragen:

Welche konkreten Ziele verfolgt Zalando zur tatsächlichen Reduktion von Retouren, Überbeständen und vernichteten Waren?

Und weiter:

Warum veröffentlicht Zalando hierzu keine transparenten Kennzahlen – etwa zu Retourenquoten, entsorgten Produkten oder Recyclingquoten?

Zalando beschreibt viele Probleme in der Lieferkette als strukturell oder branchenweit.

Das gilt insbesondere für:

  • Scope-3-Emissionen,
  • Ressourcenverbrauch,
  • Wasserverbrauch,
  • Chemikalienmanagement
  • und Kreislaufwirtschaft.

Das ist sicher nicht falsch. Bei dieser Erkenntnis darf es jedoch nicht bleiben – vielmehr müssen daraus konkrete Lösungen entwickelt werden.

Gerade große Plattformen könnten gemeinsam mit Wettbewerbern branchenweite Standards etablieren und so Wettbewerbsnachteile einzelner Unternehmen vermeiden.

Deshalb möchten wir fragen:

Plant Zalando gemeinsam mit anderen Plattformen, Händlern oder Wettbewerbern derzeit verbindliche Brancheninitiativen zu Klima-, Wasser- oder Chemikalienstandards?

Und:

Welche konkreten Initiativen hat Zalando hier bislang selbst angestoßen?

Greenwashing-Risiken

Bemerkenswert finde ich außerdem, dass Zalando selbst vor „irreführenden nachhaltigkeitsbezogenen Aussagen“ warnt und gegen solche Praktiken bei Partnern vorgeht.

Dass Zalando 2024 selbst nach Kritik europäischer Verbraucherschutzbehörden Nachhaltigkeitskennzeichnungen und Umweltclaims auf der Plattform ändern musste, zeigt:
Die Gefahr von Greenwashing ist keineswegs theoretisch.

Vor diesem Hintergrund möchte ich fragen:

Welche konkreten internen Kontrollmechanismen wurden bei Zalando eingeführt, um irreführende Nachhaltigkeitsaussagen künftig auszuschließen?

Sehr geehrte Damen und Herren,

insgesamt entsteht für uns der Eindruck, dass Zalando die ökologischen und sozialen Probleme der Branche durchaus erkannt hat und mittlerweile auch offen beschreibt.

Dennoch gibt es weiterhin viel zu tun.

Nachhaltigkeit und menschenrechtliche Sorgfaltspflicht darf nicht zur bloßen Kommunikationsstrategie verkommen.

Vor allem im Scope-3-Bereich sowie im Bereich Arbeits- und Menschenrechte bei Zulieferern braucht es zusätzlich zu eigenen Bemühungen branchenweite Ansätze und Lösungen.

Auch wenn dies nicht den eigenen Geschäftsbereich betrifft: Zalando darf sich hier nicht aus der Verantwortung ziehen. Ich bin überzeugt, durch Mindestanforderungen und Zusammenarbeit mit Wettbewerbern können Sie hier konkrete Veränderungen bewirken.

Seien Sie Vorbild, nutzen Sie Ihre Größe und setzen Sie Ihre formulierten Ambitionen tatsächlich und zeitnah um. Setzen sie strengere, verbindliche Standards und erhöhen sie die Transparenz um die strukturellen Probleme der Branche endlich anzugehen und nicht nur ausführlich darüber zu berichten!

Vielen Dank.

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