Sehr geehrte Damen und Herren,
sehr geehrter Vorstand und Aufsichtsrat
Mein Name ist Mala Deimann und ich spreche im Namen des Dachverbands kritischer Aktionärinnen und Aktionäre.
Wir haben Gegenanträge zu den Tagesordnungspunkten 3 und 6 eingereicht und fordern den Ausstieg aus tierbasierter Antikörperproduktion, umfassende Transparenz über Lieferanten und Produkte und eine Anpassung des Vergütungssystems. Mein Beitrag widmet sich den wiederholten Lieferanten-Skandalen und Sorgfaltspflichtverletzungen der Siemens Healthineers AG.
Sie feiern heute das Geschäftsjahr 2025 als weiteres erfolgreiches Jahr, trotz schwieriger Rahmenbedingungen und präsentieren sich als verantwortungsvollen Partner.
Sie loben neben ihren ehrgeizigen Zielen auch den Vorstand für seine erfolgreiche Krisensteuerung und verstehen sich als pflichtbewusstes Unternehmen mit ambitionierten Nachhaltigkeitsansprüchen.
Dieser Selbstlobhymne steht aber ein offensichtliches Auseinanderklaffen von Anspruch und Realität gegenüber, insbesondere bei den Themen Tierschutz und Lieferketten-Sorgfaltspflicht.
Tierquälerei in der Lieferkette und vernachlässigte Sorgfaltspflichten
In Ihrem Geschäftsbericht beschreiben Sie ein umfangreiches System von Richtlinien, Risikoanalysen, Audits, den Siemens Code of Conduct und die Grundsatzerklärung nach LkSG.
Auf dem Papier klingt das nach hoher Sorgfalt und einem gut entwickelten System. In der Praxis sehen wir jedoch wiederholte, gravierende Verstöße in Ihrer Lieferkette, und zwar, wenn es um die tierbasierter Antikörperproduktion geht.
Bereits 2022 wurden bei ihrem damaligen Lieferanten und Kaninchenzuchtbetrieb Zimmermann in Baden-Württemberg schwere Tierschutzverstöße dokumentiert. Kaninchen in beengten Käfigen, kranke und verletzte Tiere ohne Behandlung und unsachgemäße, brutale Tötungen, die auch von Kameras dokumentiert wurden.
Nachdem die Zusammenarbeit beendet wurde, hätte man davon ausgehen können, dass sie in bester Absicht sind, ihren Sorgfaltspflichten umfangreicher nachzukommen und man von jetzt an bessere Kontrollen in der Lieferkette erwarten könnte.
Umso schockierender, dass nur drei Jahre später bei ihrem heutigen Antikörper-Lieferanten dem Asamhof, von der SOKO-Tierschutz erneut massive Verstöße dokumentiert wurden. Den Umgang mit den Tieren auf dem Asamhof muss ich hier nicht detaillierter beschreiben. Er ist nicht weniger grausam als bei Zimmermann, ganz im Gegenteil. Auch hier gehen die Mitarbeitenden extrem brutal mit den Tieren um und sind nach unserem Kenntnisstand weiterhin dort beschäftigt.
Herr Thomas und Herr Montag: Ihr Eigenlob in Sachen Verantwortung und Nachhaltigkeit wirkt angesichts der wiederholten Geschäftsbeziehungen mit Lieferanten, bei denen umfangreiche Tierschutzverstöße dokumentiert sind, absurd. Sie zeigen eindeutig, dass Vorstand und Aufsichtsrat seinen Sorgfaltspflichten in der Liefer- und Wertschöpfungskette nicht hinreichend nachkommen.
Siemens Healthineers sollte anfangen risikobasierte und nachvollziehbar wirksame Kontrollmechanismen zu implementieren und einen verbindlichen Ausstiegsplan aus tierbasierter Antikörperproduktion vorlegen.
Vor diesem Hintergrund meine erste Frage an Sie, auch im Namen der SOKO-Tierschutz:
- Warum arbeitet Siemens Healthineers nach wie vor mit dem Lieferanten Josef Asam zusammen, obwohl die schrecklichen Zustände und das mangelhafte Management und Personal nachgewiesen sind?
Sie betonen in Ihrem Nachhaltigkeitsbericht, dass sie einen wirksamen „Vorbeugen–Erkennen–Reagieren“-Ansatz verfolgen. Gleichzeitig weigern Sie sich offenbar, aus einem Lieferverhältnis auszusteigen, in dem systematisches Tierleid dokumentiert ist.
Daher meine Anschlussfragen:
- Wie erklären Sie, dass Ihr Risikomanagement solche massiven Verstöße nicht verhindert hat und warum diese Vorfälle weder im Risiko- noch im Nachhaltigkeitsbericht konkret benannt werden? Würde ein risikobasierter Ansatz in der Lieferkettenkontrolle das nicht nahelegen?
- Welche konkreten, überprüfbaren Konsequenzen hat Siemens Healthineers gegenüber diesem Betrieb bislang gezogen, die über „dialogorientierte“ Maßnahmen hinausgehen? Gibt es eine Frist mit klaren Kriterien, bis wann welche Missstände abgestellt sein müssen?
- Welche konkreten Maßnahmen wurden allgemein ergriffen, um sicherzustellen, dass dort – und bei anderen Zulieferern – künftig Tierschutzstandards eingehalten werden?
Sie schreiben selbst, dass Rechtsverletzungen durch Lieferanten ein wesentliches Risiko darstellen können, inklusive rechtlicher Konsequenzen und Reputationsschäden.
- Wie hoch schätzen Sie dieses Risiko in diesem konkreten Fall ein?
- Wie viele angekündigte und unangekündigte Audits haben Sie seit 2022 bei Lieferanten für tierische Antikörper durchgeführt?
- Welche Tierschutz-KPIs wurden dabei gemessen und welche wesentlichen Abweichungen wurden festgestellt?
- Veröffentlichen Sie die Ergebnisse Ihrer externen Nachhaltigkeitsaudits für den Antikörperbereich, oder unterliegen diese der Schweigepflicht?
Transparenzversprechen versus Geheimhaltung
In den Geschäftsunterlagen verweisen Sie auf Transparenz, Stakeholder-Dialoge und auf Ihre Verpflichtung zu menschenrechtlicher und ökologischer Verantwortung. Gleichzeitig halten Sie wesentliche Informationen zu tierbasierten Lieferketten unter Verschluss.
Sie veröffentlichen weder eine Liste der relevanten Lieferanten, noch legen Sie die Testsysteme offen, bei denen noch Kaninchenantisera eingesetzt werden, noch gibt es einen einsehbaren Zeitplan für den Ausstieg aus tierischer Antikörperproduktion.
Öffentlich zugängliche Rechercheberichte zeigen, dass Sie gegenüber Medien zwar den Einsatz von Kaninchenantisera einräumen, konkrete Zahlen, betroffene Produkte und Ausstiegsziele jedoch nicht benennen.
Die Stiftung für das Tier im Recht hat Sie Ende 2025 in einem offenen Brief gemeinsam mit über 70 Tierschutzorganisationen aufgefordert, die Zusammenarbeit mit dem belasteten Asam-Betrieb zu beenden. Nach unserem Kenntnisstand haben Sie darauf bislang nicht fundamentiert reagiert
Dazu meine Fragen auch im Namen der SOKO-Tierschutz:
- Warum veröffentlicht Siemens Healthineers nicht die Verwendung von Kaninchenblut und die entsprechenden Endprodukte, obwohl das z.B. der ARD bereits vor Monaten zugesagt wurde? Und wie passt diese Zurückhaltung zu Ihrem Anspruch, ein transparentes und verantwortungsvolles Unternehmen zu sein?
- Bis wann werden Sie eine nachvollziehbare Übersicht vorlegen, aus der hervorgeht:
• für welche Produkte Sie noch Antikörper aus Kaninchenblut einsetzen,
• welche Lieferanten dafür genutzt werden,
• und welche konkreten Reduktions- und Ausstiegsziele Sie sich in welchem Zeitraum setzen?
- Informieren Sie Ihre Kunden (Kliniken, Labore) aktiv über den tierischen Anteil in Ihren Diagnostika, oder überlassen Sie das der Eigenrecherche? Da Sie selber ja auch ein Befürworter von Transparenz im Gesundheitswesen sind und diese auch gerne einfordern.
Missachtung tierversuchsfreier Alternativen und Inkonsistenz bei eigener Nachhaltigkeitsstrategie
In einer Stellungnahme gegenüber Kassensturz haben Sie ja bereits eingeräumt, dass man bei Siemens Healthineers von den alternativen Methoden weiß aber Sie dennoch weiterhin Kaninchenantisera für die Herstellung diagnostischer Tests verwenden. Außerdem wird sich in diesem Zusammenhang wieder Lob ausgesprochen, indem man davon berichtet, dass es ja durchaus schon eine Reduktion des Kanincheneinsatzes gibt.
Damit räumen Sie faktisch ein, dass die technischen Voraussetzungen für einen Ausstieg grundsätzlich gegeben sind. Wenn Sie also wissen, dass Alternativen verfügbar sind, selbst daran arbeiten und bereits Reduktionen erzielt haben, sind Dauer der Umstellung oder Kosten so langsam wirklich kein Grund mehr, einen vollständigen Ausstieg weiter zu verschieben.
Meine zentralen Fragen an den Vorstand:
- Wie viele Kaninchen benötigt Siemens Healthineers jährlich zur Antikörperproduktion?
- Wie hoch ist der in der Stellungnahme angesprochene Rückgang des Kaninchen-Einsatztes tatsächlich – gemessen an reellen Tierzahlen und der hergestellten Antiserum-Menge? Bitte nennen sie konkrete Zahlen zu diesem Rückgang.
- Wie hoch sind Ihre jährlichen Kosten für die Kaninchenblut-Antikörper Produktion (Einkauf, Logistik, Abfallentsorgung)?
In ihrem Nachhaltigkeitsbericht schreiben Sie außerdem, dass Ressourcenschonung, Kreislaufwirtschaft und Klimaschutz wesentliche Aspekte Ihrer Strategie sind und Sie gemeinsam mit Lieferanten eine dekarbonisierte, zirkuläre Wertschöpfungskette anstreben.
Sie scheinen aber nicht zu wissen, was die grundlegenden Merkmale einer zirkulären Wertschöpfungskette sind: Reduktion, Wiederverwendung und vollständige Rückführung aller Materialien in den Kreislauf, ohne Abfall oder Verluste.
Unsere Frage dazu ist:
- Wo finden sich die Kaninchen in diesem „Kreislauf“ wieder?
In der tierbasierten Antikörperproduktion landen sie als Wegwerfprodukt im Abfall. Nach schmerzhaften Immunisierungen und Blutentnahmen werden die Tiere getötet und ihre Körper verbrannt oder entsorgt. Kein Teilkreislauf, keine Rückführung, purer Ressourcenverbrauch. Dieses lineare Modell steht im direkten Widerspruch zu Ihrem zirkulären Anspruch.
Tierfreie Antikörper würden hingegen weniger Tierhaltung, weniger Futterverbrauch, weniger Transporte und weniger Abfall aus Tierkörpern bedeuten – mit positiven Effekten auf den Ressourcenverbrauch.
- Warum wird dieser Aspekt in Ihrer Wesentlichkeitsanalyse praktisch nicht abgebildet, während Sie Biodiversität und Ökosysteme als „nicht wesentlich“ einstufen, obwohl die industrielle Tierhaltung ein relevanter Treiber von Artenverlust und Umweltbelastung ist?
Rechtsrisiken und Reputationsschäden
Mit Ihrer Grundsatzerklärung bekennen Sie sich zum LksG und zu den UN-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte. Sie führen aus, dass Siemens Healthineers einen risikobasierten Due-Diligence-Prozess etabliert hat und Arbeitsbedingungen in der Wertschöpfungskette ein wesentliches Thema seien.
Gleichzeitig scheinen Sie Tierschutzrisiken, die mit massiven Rechtsverstößen gegen das Tierschutzgesetz einhergehen, nicht als governance-relevant zu betrachten, obwohl sie klar in Ihre Verantwortung für Produktionsbedingungen bei Lieferanten fallen.
Daher meine weiteren Fragen:
- Wie stellen Sie sicher, dass die im Lieferkettengesetz geforderte Risikoanalyse nicht nur abstrakt „Arbeitsbedingungen“ und „Menschenrechte“ umfasst, sondern konkret auch tierbasierte Produktionsprozesse und Tierschutzrisiken?
- Haben Sie gegenüber dem Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle die Vorfälle am Asam-Hof proaktiv gemeldet oder in Ihren Berichten gegenüber der Behörde thematisiert, und falls nein, warum nicht?
Angesichts der technologischen Fortschritte steht die fortlaufende Kaninchen-Immunisierung, gepaart mit dem Wissen um die Missstände, nicht nur im Widerspruch zu Ihrer eigenen Selbstdarstellung und der gesetzlichen Alternativpflicht. Vielmehr kommt angesichts der Tatsache, dass dies nicht ihr erster Lieferant mit dokumentierten Tierschutzverstößen ist das Gefühl auf es könnte sich hier mittlerweile um aktive Beihilfe beim Verstoß gegen das Tierschutzgesetz handeln
- Können Sie daher ausschließen, dass Siemens Healthineers durch die fortgesetzte Zusammenarbeit mit einem einschlägig bekannten Problem-Lieferanten als Mitverantwortlicher für Verstöße gegen das Tierschutzgesetz eingestuft wird? Und falls Sie das glauben, worauf stützt sich diese Einschätzung?
Sie betonen, dass Beschwerden über die Lieferkette über interne und externe Meldekanäle bearbeitet und bei Verstößen Abhilfemaßnahmen ergriffen werden, im Extremfall bis zur Beendigung der Geschäftsbeziehung.
Können Sie konkret darstellen,
• wie viele Beschwerden zu Lieferanten in der tierbasierten Antikörperproduktion im letzten Geschäftsjahr eingegangen sind,
• wie das Verfahren in diesen Fällen ablief,
• welche Abhilfemaßnahmen vereinbart wurden und wie deren Umsetzung überprüft wurde?
Governance-Anpassungen für Nachhaltigkeit
Im Geschäftsbericht führen Sie aus, dass Governance-Themen, inklusive dem Management der Lieferantenbeziehungen, ein wesentlicher Nachhaltigkeitsaspekt sind, und dass Sie die Einhaltung Ihrer Standards sicherstellen wollen.
Wenn sich jedoch die Vorfälle bei Ihren Lieferanten wiederholen, alte Fälle nicht transparent aufgearbeitet werden und kein klarer Ausstiegsplan existiert, stellt sich die Frage nach der Wirksamkeit Ihrer Aufsicht.
Deshalb zum Aufsichtsrat: Herr Thomas
- Wie bewertet der Aufsichtsrat die wiederholten Skandale um Kaninchenblut-Lieferanten in Baden-Württemberg und Bayern in Bezug auf seine eigene Überwachungspflicht und welche Konsequenzen zieht er daraus für die Beurteilung der Vorstandsleistung?
- Wann wurde der Aufsichtsrat das letzte Mal über konkrete Tierschutzvorfälle in der Antikörper-Lieferkette informiert?
- Wird der Aufsichtsrat darauf hinwirken, dass konkrete Kennzahlen zu tierfreien Alternativen, Lieferkettenkontrollen in Risikobereichen und Transparenz über tierische Materialien in die Zielvereinbarungen des Vorstands aufgenommen werden und falls nein, warum verzichtet er gezielt auf dieses Steuerungsinstrument?
Aus Sicht des Dachverbands der Kritischen Aktionärinnen und Aktionäre ist klar:
Solange Siemens Healthineers die Geschäftsbeziehung zu Lieferanten mit dokumentierter systematischer Tierquälerei fortsetzt, keinen verbindlichen Zeitplan für den vollständigen Ausstieg aus polyklonalen Kaninchen-Antikörpern vorlegt, Transparenz über den Einsatz von Kaninchenblut und die betreffenden Produkte verweigert und Tierschutz- und Lieferkettenrisiken nicht glaubwürdig in Governance, Wesentlichkeitsanalyse und Vergütungssystem integriert, kann der Vorstand weder seiner Sorgfaltspflicht noch seinem eigenen Nachhaltigkeitsanspruch gerecht werden.
Deshalb bitten wir Sie um klare, überprüfbare Aussagen zu diesen Punkten und empfehlen den Aktionärinnen und Aktionären, unserem Gegenantrag zu folgen und dem Vorstand die Entlastung zu verweigern.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit, ich freue mich auf ihre Antworten.








